Die Verunsicherung durch dieses körperliche Geschehen
ist besonders groß, weil der Betroffene keinen Zusammenhang zu einem äußeren
Ereignis erkennen kann. Wenn er zum Beispiel gerade durch Unachtsamkeit fast
überfahren worden wäre, gäbe es eine Erklärung für die körperliche Reaktion,
aber so ...
Die daraufhin angestrengten ärztlichen Untersuchungen bleiben fast immer
ohne körperlichen Befund. Erfreulich, könnte man meinen, ist man
normalerweise doch froh, körperlich gesund zu sein. Nicht in diesem
Zusammenhang.
Die Feststellung eines körperlichen Befundes würde dem Betroffenen zumindest
eine Erklärung für das bieten, was er erlebt hat, und damit auch eine
Richtung für das weitere medizinische Vorgehen aufzeigen. Nicht zu wissen,
wie die Symptome zu erklären sind (und das oft nach Konsultation mehrerer
Ärzte), sie anderseits aber so deutlich erlebt zu haben, macht aus der
Ungewissheit eine massive Bedrohung. Die Folge ist ein ganz genaues Achten,
Sich-Beobachten, ob und wann "es" wohl wieder auftritt. Und damit
ist ein entscheidender und fataler Schritt getan hin zum Erleben genau der
befürchteten Situation, dem Erleben der beeinträchtigenden körperlichen
Empfindungen, Gefühle und Gedanken. Indem man bestimmte körperliche
Empfindungen erwartet bzw. auf sie achtet, auch wenn sie erst nicht
so deutlich sind, erlebt man sie intensiver.
Wenn Sie, lieber Leser, diese Zeilen lesen, dann haben Sie vermutlich
nicht auf den Druck der Unterlage geachtet, auf der Sie sitzen oder liegen
- aber Sie können ihn jetzt spüren, deutlicher als zuvor, allein durch die
Tatsache, dass Sie Ihre Aufmerksamkeit auf diese Wahrnehmung gelenkt haben.
Würden Sie nun denken, dass dieses Spüren der Unterlage ein Zeichen für
eine schwere Krankheit ist, wäre die Folge sicherlich, öfter darauf zu
achten, ob Sie es wieder spüren - und es genau dadurch auch wieder deutlicher
empfinden.
Erlebt der Panik-Klient zum Beispiel kleine Veränderungen des Kreislaufs
(Herzklopfen, erhöhter bzw. erniedrigter Blutdruck), dann nimmt er es
überdeutlich wahr, bedingt durch die Aufmerksamkeitshaltung und die
Befürchtung ("jetzt geht es wieder los") verstärkt sich das
körperliche Geschehen, was wiederum zu noch katastrophaleren Gedanken
führt ("ich sterbe gleich, keiner hilft mir" o. Ä.) - und das
steigert nochmals die körperlichen Symptome.
Im Grunde sind es ganz natürliche Mechanismen, die zu diesem Teufelskreis
führen. Körperlich ist der Mensch immer noch ein Steinzeitmensch, der
darauf programmiert ist, bedrohlichen Situationen mit Flucht oder Kampf
zu begegnen. Der Körper wird dabei zu größtmöglicher Leistungsbereitschaft
getrieben ...
Dazu gehören zum Beispiel die Aktivierung des Kreislaufs und die vorbeugende
Kühlung durch Schwitzen - genau das, was in der Panik-Situation so
bedrohlich erlebt und durch entsprechende "Katastrophen-Gedanken"
gesteigert wird!
Eine weitere massive Einschränkung der Lebensqualität entsteht dadurch, dass
der Betroffene beginnt, Situationen (zum Beispiel Straßenbahn, Supermarkt,
Auto) zu meiden, in denen er solche Panikattacken erlebt hat bzw. befürchtet.
Das weitet sich immer mehr aus und kann soweit gehen, dass die Person
schließlich überhaupt nicht mehr die Wohnung verlässt oder aber nur in
Begleitung anderer.
Der beschriebene Teufelskreis, der zu dem Erleben solch massiver
Körperreaktionen und Katastrophen-Gedanken (bis hin zur Todesfurcht) führt,
ist selbstverständlich nur ein Teil dessen, was bei manchen Menschen dieses
Panik-Geschehen hervorrufen kann.
Häufig ist bei solchen Personen festzustellen, dass ihnen in der Kindheit
ein Bild der Welt vermittelt wurde, das vor allem gekennzeichnet ist durch
Bedrohung, Angst und Obacht geben. In Hinweisen der Eltern wurde vorrangig
darauf verwiesen, was alles gefährlich ist und worauf man achten muss; somit
wurde eine Art "Angst-Grundhaltung" erzeugt. Des Weiteren treten
die Panikattacken nahezu immer in Lebensphasen auf, in denen bisherige
Lebensweisen abgelöst wurden durch neue Formen, die weitaus weniger den
Bedürfnissen der entsprechenden Person gerecht werden (zum Beispiel eine
Frau mit früher vielen sozialen Kontakten und einem erlebnisreichen Leben,
die sich nach der Hochzeit als Hausfrau zurückzieht in das isolierte Leben
einer Einfamilienhaus-Siedlung).
Das auf sich selbst zurückgeworfene Dasein ist generell eine bedeutsame
Rahmenbedingung, die das Panikgeschehen fördert.
Wie bei dem oben dargestellten körperlichen Geschehen ist die Aufmerksamkeit
der Panik-Klienten zunehmend mehr auf die eigene Person zentriert, so dass
immer umfassender das verloren geht, was notwendig ist, um einem Menschen
Halt und Stabilität zu geben - das Eingebundensein in Bezügen zu anderen
Menschen, zu sinnvollen interessanten Aufgaben, zu einem insgesamt
lebendigen Leben. Wobei hier von vorrangiger Bedeutung ist, dass die
betroffene Person das so wahrnimmt und erlebt.
Hier liegt ein wesentlicher Ansatzpunkt von Psychotherapie: den Klienten
zu unterstützen, seine Aufmerksamkeit weg von der eigenen Person auf äußere
Ereignisse zu lenken, sei es, dass zum Beispiel alte Hobbys wieder
interessant werden können, neue als interessant bzw. sinnvoll erlebte
Aufgabenstellungen gefunden und/oder Kontakte zu anderen Menschen geknüpft
werden und damit generell wieder einen Halt in seinem Leben aufzubauen.
Des Weiteren ist es therapeutisch sinnvoll, die oben dargestellte
entstandene überdauernde Anspannung therapeutisch anzugehen.
Erfahrungsgemäß bieten hypnotisch erzeugte Entspannung und das Vermitteln
von Selbsthypnose gute Möglichkeiten einer grundlegenden Spannungsreduktion.
In der Trance-Arbeit wird darüber hinaus der Zugang des Klienten zu für
ihn bedeutsamen Erlebnisinhalten ermöglicht und hierdurch inzwischen
"verschüttete" bzw. neue Lebensbereiche entdeckt, die mit dazu
beitragen, wieder ein lebendiges Leben zu führen.
Frau Krüger gibt mit ihrem Buch auf beeindruckende Weise
Einblick in diese für sie so belastende und durch massive Einschränkungen
gekennzeichnete Lebensphase. Damit stellt sie beispielhaft den Leidensweg
vieler Menschen dar, die von Panikattacken betroffen sind. Für jemand
aktuell oder ehemalig Betroffenen bietet das Buch sicherlich viel Vertrautes
und Bekanntes.
Anderen Lesern mag es verdeutlichen, in welcher inneren Logik und vor allem
welchem Leid ein Panik-Klient gefangen ist.
Für Menschen, die derlei Erfahrungen nicht gemacht haben, ist es kaum
nachvollziehbar, was Menschen mit Panikstörung erleiden.
Und so wünsche ich dem Buch, dass es zu mehr Verständnis für Menschen führt,
die eine derart die Lebensqualität beeinträchtigende Störung erleben.
Und vielleicht kann es Betroffenen Mut und Hoffnung vermitteln, indem es
aufzeigt, wie die Autorin - allein und mit Unterstützung - sich ein
lebenswertes Leben zurückerobert hat.
Hartmud Brinkhaus, Dipl.-Psych.
Institut
für Hypnotherapie, Düsseldorf
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