Textauszug
Astrid Krüger: Trichotillomanie - oder wenn Haare zum Zwang werden

An welchem Punkt soll man damit beginnen die Geschichte seines Lebens zu erzählen? Gut, lass uns einfach anfangen und sehen, wohin es führt, okay?
Ich wuchs in einem sehr glücklichen Elternhaus als älteste von vier Töchtern auf. Obwohl ich manchmal der Meinung war, dass ich mehr Aufmerksamkeit benötigen würde, war es keine großartige Sache. Ich wurde auch niemals belästigt oder hatte irgend ein traumatisches Erlebnis, als ich jung war.
Damals hatte ich sehr lange Haare. Sie wurden zum ersten Mal abgeschnitten, als ich elf war. Das fühlte sich oben auf dem Kopf sehr merkwürdig an und schon fing ich an, mir dieses "fremde" Haar auszuziehen. Seitdem habe ich immer nach den dicken, drahtigen, lockigen Haaren Ausschau gehalten, um daran zu ziehen.
So habe ich mich mein ganzes Leben sehr merkwürdig gefühlt. Ich dachte, ich bin verrückt, habe ein verdrehtes Gehirn, keine Selbstkontrolle oder -disziplin. Es kam mir so vor, als ob ich eine "dunkle" Seite in mir hätte, von der niemand etwas wüsste.
Ich fühlte mich wie ein "defekter" Mensch und hasste mich selbst an jedem Augenblick eines Tages, an jedem Tag in einem Jahr, 21 Jahre lang.
1992 stand meine Ehe auf der Kippe und meine Zieherei wurde sehr schlimm. Wir gingen zu einer Beratungsstelle, jedoch ohne Erfolg. In einer der Sitzungen dort, in die ich alleine ging, erzählte ich der Therapeutin, dass ich mir die Haare ausreiße.
Das war eine der schwierigsten Sachen, die ich je in meinem Leben gemacht hatte. Ich weinte 45 Minuten lang, bevor ich ihr erzählen konnte, warum ich dort war. Es war mir unmöglich, ihr zu sagen, dass ich mir mein Haar ausziehe.
Zu diesem Zeitpunkt sah ich in einem Magazin einen Artikel über Trich und fragte die Therapeutin hoffnungsvoll, ob es das wäre, was nicht in Ordnung mit mir sei.
Nachdem sie sich mit einigen Kollegen beratschlagt hatte, erklärte sie mir, dass sie alle zusammen zu dem Ergebnis gekommen wären, dass ich keine Trichotillomanie hätte. Es wäre nur wegen der Scheidung und dem Stress in meinem Leben, dass ich es täte. So hatte mir eine kluge Fachfrau dem Sinn nach mitgeteilt, dass das alles mein eigener Fehler wäre.
Durch meine eigene Zielstrebigkeit und eine Wette mit meiner Schwester, hörte ich danach auf zu ziehen. Es war großartig. Zum ersten Mail nach 17 Jahren konnte ich mir das Haar so schneiden lassen, wie ich wollte.
Äußerlich sah alles wunderbar aus. Ich bekam sogar eine Menge Komplimente wegen meiner Haare von Leuten, die nichts über meine Haarausreißerei wussten. Man würde meinen, dass mich das hätte glücklich machen müssen. Es gab keine neugierigen Blicke mehr, keine merkwürdigen Kommentare, und niemand tuschelte hinter meinem Rücken. Ich war mit meinem Äußeren zufrieden...
Trotzdem hasste ich mich noch wegen der, die ich tief in meinem Inneren zu sein glaubte. Ich hatte ein tiefes, dunkles Geheimnis, von dem niemand etwas wusste.
Mein Geheimnis war das folgende: Ich hatte aufgehört mir die Haare am Kopf auszuziehen, diese Tätigkeit aber durch das Auszupfen der Haare unterhalb meines Kinns ersetzt. Kein Haar war vor mir sicher, an den Armen, den Beinen, das Schamhaar.
Ich schämte mich so sehr und konnte nicht damit aufhören. Da ich geschieden war, konnte niemand sehen, was ich mir selber antat. Als Christ hatte ich eine harte Zeit mit mir selber zurecht zu kommen, mit dieser Lüge, mit der ich lebte.
Vier Jahre später traf ich meinen jetzigen Ehemann. Er war mein erster Freund. Wir waren damals fünf Jahre zusammen, bevor wir auseinander gingen, um jemand anderen zu heiraten und uns scheiden zu lassen. Als wir über unsere Hochzeit sprachen, stand ich da mit meinem Geheimnis und wusste nicht, was ich damit machen sollte.
Der 18. August 1996 war einer der größten Tage in meinem Leben. Damals suchte ich im Internet nach dem Wort "Haarziehen". Ich entdeckte dort, dass ich die Krankheit sehr wohl habe (nach den Kriterien, mit denen eine solche Störung in Fachkreisen beschrieben ist und nach dem Lesen eines "schwarzen Brettes").
Sofort sah ich, dass ich genau die gleichen Dinge fühlte und dachte wie jeder andere auf dem "schwarzen Brett". Ich fing an zu weinen und hörte monatelang nicht mehr auf damit.
Es war in einem die dunkelste und emotionalste Zeit meines Lebens. Nicht einmal die Scheidung konnte da heranreichen. 21 Jahre voller versteckter Gefühle, Verletzungen und Schmerzen kamen ans Tageslicht.
Mein Ehemann, damals noch Verlobter, reagierte großartig. Er hörte mir einfach zu, unterstützte mich weiterhin und liebte mich, egal, was ich ihm über mich erzählte.
Mein ganzes Leben lang habe ich dieses Geheimnis bewahrt, aus Angst, dass die Leute es herausfinden und mich zurückstoßen könnten. Im Endeffekt passierte genau das nie. Jedem, dem ich es erzählte, in Tränen aufgelöst, war unwahrscheinlich verständnisvoll und unterstützte mich. Niemand hat mich zurückgewiesen - jeder reagierte einfach wunderbar.
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