Zimmermädchen ohne Aussicht
Wenn wir im Urlaub in einem Hotel absteigen, machen wir uns da eigentlich einmal Gedanken darüber, wer in den Zimmern dafür sorgt, dass alles schön sauber und ordentlich ist? Nein, natürlich nicht, schließlich wollen wir uns über so was in der schönsten Zeit des Jahres nicht den Kopf zerbrechen. Anfang des letzten Jahres suchte ich einen neuen Job auf 610-DM-Basis. Da mich vor allem große Hotels schon immer gereizt haben, kam mir der Gedanke, dort einmal für eine Zeitlang als Zimmermädchen tätig zu sein. Das sollte mir natürlich einiges an Geld bringen und mir außerdem auch einmal einen Blick hinter die Kulissen ermöglichen. Von Seiten der Reinigungsfirma, die für das Hotel die Arbeiten übernahm, war mir eine ausreichende Einarbeitung zugesagt worden. Der Stundenlohn hierfür War nicht gerade üppig, er lag gerade einmal bei 9,95 Mark. Aber danach, so hatte man mir angekündigt, käme das große Geldverdienen. Pro Stunde wären nämlich mindestens vier bis fünf Zimmer zu schaffen. Die Betonung liegt hier auf "mindestens". Also ließ ich mich auf dieses Unterfangen ein Interessanterweise wurde nämlich nach Abschluss der Probezeit nicht mehr pro Stunde, sondern pro Zimmer bezahlt das gäbe immerhin einen Stundenlohn von 15,48 bis 19,35 Mark (3,87 Mark pro Zimmer) netto. Das ließ sich nicht schlecht an. Für einen solchen Stundenlohn muss man natürlich auch bereit sein, etwas zu leisten, dachte ich mir. Also ging ich voller Tatendrang an die Arbeit. Die Ernüchterung folgte auf dem Fuße. Die Kolleginnen, die dieser Betätigung schon länger nachgingen, konnten über die Angabe von vier bis fünf Zimmern pro Stunde nur lachen. Ihr Durchschnitt lag eindeutig bei zwei bis maximal drei Zimmern, wobei Doppelzimmer genauso wie Einzelzimmer bezahlt werden, auch wenn diese natürlich erheblich arbeitsintensiver sind. Zusätzlich, natürlich hatte man mir das bei der Einstellung verschwiegen, musste der Flur sauber gehalten werden und die Wäschekammer ebenfalls. Die Wagen mussten auch regelmäßig bestückt werden. Und das alles kostenlos zum Wohle der Firma, denn bezahlt wurde ja nur die Reinigung der Zimmer, alles andere war eine Draufgabe der Angestellten für ihren Arbeitgeber. Waren die Arbeitsmaterialien defekt oder verschwunden kein Problem, auch hier mussten die Angestellten wieder ohne Bezahlung dafür sorgen, dass Ersatz zur Stelle war Bei durchschnittlich ca. 20 Zimmern, die von einem hauptberuflich angestellten Zimmermädchen am Tag gereinigt werden sollten, musste also eine Arbeitszeit von mindestens 7,5 Stunden angesetzt werden (nur für die Zimmer und ohne die täglichen Laufereien), und das für einen Lohn von 77,40 Mark und bei harter körperlicher Arbeit. Ich bekam langsam Zweifel, ob ich mir den richtigen Beruf ausgesucht hatte. Jetzt war mir auch klar, warum die Reinigungsfirma über einen ständigen Wechsel an Personal klagte. Wenn hier jedermann unter falschen Voraussetzungen eingestellt wurde, war schon klar, dass letztendlich nur noch diejenigen übrig blieben, die gar keine andere Chance für sich auf dem Arbeitsmarkt sahen. Und die Hygiene? Die blieb natürlich auch auf der Strecke. Schließlich musste alles besonders schnell gehen. Die Gläser kamen nicht etwa nach Benutzung In die Spülmaschine, nein, sie wurden einfach kurz unter fließendem Wasser abgespült und mit einem benutzten Handtuch des Gastes abgetrocknet. Meinen Job in diesem Hotel habe ich übrigens ganz schnell wieder aufgegeben. Nach zweitägiger Einarbeitungszeit musste ich am dritten Tag alleine vier Zimmer reinigen. Ich benötigte hierfür knapp vier Stunden, hatte also etwas mehr als 3.87 Mark pro Stunde verdient. Geschehen ist diese Geschichte übrigens in einem großen Hotel in einer rheinischen Großstadt Die Zimmerpreise für eine Übernachtung liegen bei 350 bis 500 Mark.
aus zurück
|