Trichotillomanie - Störung der Impulskontrolle?

Hauptsymptom der Trichotillomanie ist das zwanghafte Ausreißen von Körperhaaren, was zu einem spürbaren Haarverlust führt. Die Störung kann das Auszupfen von Kopfhaaren, aber auch von Wimpern, Augenbrauen, Schamhaaren sowie sämtlichen anderen Körperhaaren beinhalten. Betroffene empfinden eine gewisse Anspannung vor dem Haarausreißen. Danach stellen sich Glücksgefühle ein. Manche spielen mit den Haaren, wählen sie sorgfältig aus. Andere wiederum ziehen sie durch die Lippen. Es gibt auch Patienten, die die Haare nach dem Auszupfen essen. Das wird dann als Trichophagie bezeichnet. Einige Betroffene spezialisieren sich auf bestimmte Haare (beispielsweise Augenbrauen oder Wimpern). Anderen jedoch ist es völlig gleichgültig, wo sie ziehen.

Frauen sind deutlich häufiger betroffen
Schätzungen gehen davon aus, dass 0.5 bis 3.5 Prozent der Bevölkerung betroffen sind. Dabei trifft man deutlich häufiger auf weibliche Patienten. Die Störung tritt jedoch auch bei Männern auf. In der Literatur besteht Uneinigkeit darüber, ob Trichotillomanie als Störung der Impulskontrolle wie bei Pyromanie, Kleptomanie oder Spielsucht anzusehen ist, oder ob sie dem Bereich der Zwangserkrankungen wie Wasch- oder Kontroll-zwänge zuzuordnen ist. Der durchschnittliche Beginn der Erkrankung liegt im 12. bzw. 13. Lebensjahr, also zum Zeitpunkt der Pubertät. Daher stellt sich die Frage, ob die Ursachen im hormonellen Bereich zu suchen sind. Bis heute konnte dies nicht befriedigend beantwortet werden. Gelegentlich tritt Trichotillomanie auch beim Säugling oder Kleinkind auf. Hierbei scheint es sich um eine andere Variante zu handeln.

Ursachen nicht geklärt
Was aber ist der Auslöser für Trichotillomanie? Darüber sind sich Experten bis heute nicht einig. In ganz seltenen Fällen ist die Störung auf einen Eisenmangel zurückzuführen und hört auf, wenn dieser behoben ist. Manche Betroffene berichten über traumatische Ereignisse vor dem Ausbruch der Erkrankung. Hierbei kann es sich um einen Unfall, die Scheidung der Eltern, Verlust eines nahen Angehörigen oder Freundes handeln. Anderen wiederum fehlt jeglicher Kenntnisstand über das Auftreten eines solchen Ereignisses in ihrem Leben.
Wie bei anderen psychischen Erkrankungen wird auch hier davon ausgegangen, dass Trichotillomanie eventuell durch zu wenig oder zuviel eines bestimmten Neurotransmitters entstehen kann. Kommen dann noch andere ungünstige Faktoren hinzu, bricht die Krankheit aus. Vielleicht ist es auch so, dass Stress die Entstehung von Trichotillomanie verursacht, wenn die genetische Veranlagung dazu besteht. Möglicherweise könnte eine Streptokokkeninfektion den Beginn der Erkrankung beeinflussen.
Zu den typischen Begleiterkrankungen der Trichotillomanie gehört die Zwangsstörung. 15 Prozent alter Betroffenen leiden zusätzlich an Wasch-, Kontroll- oder sonstigen Zwängen. Vielfach gehören auch Depressionen dazu. Häufig versuchen Patienten die Trichotillomanie alleine und ohne professionelle Hilfe in den Griff zu bekommen. Sie bedienen sich dabei allerlei Tricks, wie dem Tragen von Handschuhen oder Kopftüchern. Wenn sie es aber mit diesen Methoden nicht schaffen, ihrem Problem entgegen zu treten, sind vielfach Depressionen, Frust, Scham oder auch Minderwertigkeitsgefühle die Folge. Zusätzlich berichten Betroffene häufig über das parallele Auftreten von Angstzuständen und Panikattacken.

Hände beschäftigt halten
Wie kann die Trichotillomanie behandelt werden? Hier gibt es, wie bei anderen Störungen aus dem psychischen Bereich, die Möglichkeit Antidepressiva zu verschreiben. Jedoch gibt es keine spezielle Gruppe dieser Medikamente, die besonders für Patienten mit Trichotillomanie geeignet ist. Das bedeutet also, dass jeder Betroffene auf die Medikamente anders reagiert. Dem einen kann damit geholfen werden, dem anderen nicht. Es gibt aber zahlreiche Mittel, die sich für bestimmte Gruppen von Betroffenen als hilfreich herausgestellt haben.
Spricht der Patient auf die Medikamente an und wird er dadurch daran gehindert, sich weiter die Haare auszureißen, kann aber, wie bei anderen chronischen Erkrankungen auch, eine lebenslange Einnahme des Mittels notwendig sein. In diesem Fall muss genau zwischen dem Nutzen für den Patienten und den Nebenwirkungen des Präparates abgewogen werden. Zusätzlich oder alternativ zur Medikamentengabe, werden Betroffene mit einer Verhaltenstherapie behandelt. Hier erklärt der Therapeut dem Patienten die Symptome und die damit zusammenhängenden Verhaltensweisen genau. Der Betroffene wird angehalten, sich dahingehend zu beobachten, in welchen Situationen er verstärkt an den Haaren zupft.
Tagebuchaufzeichnungen sollen ihm dabei helfen, den Rhythmus seines Handelns zu verstehen und dem wirkungsvoll entgegenwirken zu können. Der Patient wird aufgefordert, beispielsweise eine Handbewegung zu machen, die das Ausreißen von Haaren unmöglich macht oder aber die Arme zu verschränken, bis der Drang nachlässt. Betroffene versuchen sich damit zu helfen, dass sie ihre Hände bei Tätigkeiten wie Lesen oder Fernsehen, wo es meist unbewusst zum Ausziehen von Haaren kommt, beschäftigt hatten, mit Sticken, dem Spiel mit einem Stück Schnur und dem Modellieren von Wachs.
Eine sinnvolle Ergänzung zur Therapie ist ein Entspannungstraining. Wichtig ist auch, dass der Patient bei den Erfolgen im Kampf gegen die Trichotillomanie bestärkt wird, durch Anerkennung von Freunden und Verwandten. Er muss auch für sich selbst herausfinden, welche Möglichkeiten für ihn persönlich bestehen, den Kampf gegen die Trichotillomanie zu gewinnen.

HINWEISE:

Zwang Aktuell, Ausgabe 2/98

Carol Novak:
Hindernisse zur Überwindung von zwanghaftem Haare ausreißen

www.angelfire.com/mt/trichpages/index.html
Website in englisch

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