Ohne Stress nicht glücklich

Es ist schick, keine Zeit zu haben,
in Terminen zu versinken, den Unersetzlichen zu spielen.
Astrid Krüger über Stress als Droge.

Leiden Sie auch darunter - unter dem so genannten Stresssyndrom? Anscheinend entwickelt sich dieses zur modernsten Krankheit unserer Zeit. Denn jeder will es haben. Damit meine ich nicht etwa die Leute, die auf Grund ihrer besonderen Lebensumstände dazu gezwungen sind, ein äußerst stressiges Leben zu führen. Die allein erziehende Mutter etwa, die selbstständig für ihren Unterhalt aufkommen muss, oder aber der Familienvater, der Schulden abzuzahlen hat und sich deswegen keinen geregelten Feierabend gönnen kann.

Nein, ich meine die Leute, die nichts mit sich selbst und ihrer Freizeit anzufangen wissen und stattdessen froh sind über jede Einladung, die sie ergattern können. Erst, wenn jeder Abend mit einer Verabredung nach Dienstschluss angefüllt ist, sind sie glücklich. Noch mehr freuen sie sich aber, wenn sie weitere Treffen auf Grund ihres bereits ausgefüllten Terminkalenders absagen können.

Was ist es doch für ein schönes Gefühl, die Auswahl zwischen ungezählten Verabredungen zu haben und die Wichtigkeit der eigenen so begehrten Persönlichkeit auf diese Art hervorheben zu können. Damit hoffen sie wohl, in der Beliebtheitsskala ihrer Mitbewohner zu steigen, um so ihre Präsenz in allen Bereichen vorführen zu können.

Oder die Leute, die in ihrem Beruf so aufgehen, dass sie keinen Feierabend mehr kennen, keine Wochenenden. Alles mit der Ausrede, dass die Firma ohne sie nicht existieren kann. Sicher gibt es einige, auf die das zutrifft, aber ihr prozentualer Anteil ist gering. Den Beweis anzutreten ist keine große Schwierigkeit. Nach einem Arbeitswechsel oder dem Eintritt in den Ruhestand kann der Betrieb plötzlich auch ohne sie überleben.

Bis hierher ist alles noch kein Problem. Schließlich ist jeder für sich und sein Glück selbst verantwortlich und kann aus seinem Leben genau das machen, was er möchte. Schlimm wird es nur, wenn diese Menschen glauben, dass nur hierin das einzige Glück auf Erden liegt, und jemandem, der nicht ständig gehetzt wirkt, genau diesen Umstand zum Vorwurf machen. Gehen sie doch davon aus, dass dieser den ganzen Tag vertrödelt oder einfach mit unsinnigen Dingen vertut.

Selbst wenn sie eines Tages feststellen müssen, dass das nun doch nicht der Fall ist, können sie die Lebensweise des Mitmenschen nicht einfach akzeptieren, sondern glauben weiterhin, allein im Recht zu sein. Denn Stress gehört in ihren Augen in diese Zeit und ohne ihn muss einfach jedem etwas fehlen - so glauben sie. Ein erfülltes Leben zu führen ohne dauernde Anspannung - nein, das kann einfach nicht sein.

Wie viel sie mit dieser Einstellung verpassen, ist ihnen gar nicht klar. Stattdessen lamentieren sie darüber, dass das Leben viel zu schnell voranschreitet und sie wieder einmal nicht alles erledigt bekommen haben. Schlimmer noch, alle müssen Rücksicht nehmen auf das arme, stressgeplagte Wesen und ihre eigenen Wünsche und Bedürfnisse in den Hintergrund schieben.

Stress muss denn auch als Ausrede für alles Mögliche herhalten. Rückruf vergessen - du weißt doch, was für einen Stress ich habe. Verabredung abgesagt - du, ich habe ganz vergessen, dass ich noch einen anderen Termin habe und der ist einfach wichtiger, das musst du doch verstehen. Versprechen gegeben - kein Problem, auch dieses lässt sich mit dem Hinweis auf den momentanen Stress ganz einfach brechen. Dass der andere unter Umständen darunter leidet, daran denken sie nicht. Wie auch, der Stress lässt selbst diesen Gedanken nicht zu.

© Astrid Krüger
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