Herr Dr. Morschitzky ist Autor des Buches "Somatoforme Störungen", das im Jahr 2000 im Springer Verlag, Wien, erschienen ist.
Dr. Morschitzky ist klinischer Psychologe sowie Psychotherapeut mit Ausbildung in Verhaltenstherapie und systemischer Familientherapie. Seit 1983 arbeitet er in der oberösterreichischen Landes-Nervenklinik Wagner-Jauregg in Linz, sowie seit 1986 auch in freier Praxis.
Seine Behandlungsschwerpunkte sind Angststörungen, Zwangsstörungen und somatoforme Störungen. Daneben versucht er als klinischer Praktiker in einer Art Wissenschaftsjournalismus den Stand des Wissens zu bestimmten Themenbereichen in Buchform zusammenzufassen. In diesem Sinn hat er bislang drei Bücher geschrieben und veröffentlicht zum Thema Angststörungen, Ängste von Jugendlichen sowie über somatoforme Störungen.
Welches sind die wichtigsten Erkrankungen, die man unter dem Begriff der "somatoformen Störungen" zusammenfasst?
Somatoforme Störungen sind körperliche Störungen, die nicht oder nicht ausreichend durch organische Ursachen erklärbar sind. Sie sehen aus wie körperliche Krankheiten, sind es aber nicht.
Nach dem ICD-10, dem neuen internationalen Diagnoseschema, das in Deutschland seit 2000 und in Österreich seit 2001 verbindlich ist, unterscheidet man sechs Formen von somatoformen Störungen.
Die Somatisierungsstörung ist charakterisiert durch mindestens zwei Jahre andauernde multiple und wechselnde körperliche Symptome ohne ausreichende organische Ursachen. Die körperliche Überbesorgtheit führt zu zahlreichen Arztkontakten, die Betroffenen können die Versicherung der medizinischen Unbedenklichkeit der Symptome jedoch nur kurz oder überhaupt nicht glauben. Insgesamt müssen sechs von 14 Symptomen aus zwei von vier verschiedenen Organbereichen vorhanden sein.
Die undifferenzierte Somatisierungsstörung ist eine unvollständige Somatisierungsstörung mit weniger strengen Kriterien.
Die somatoforme autonome Funktionsstörung bezeichnet eine nicht organische vegetative Erregung in mindestens einem oder mehreren (meistens zwei) der folgenden Organbereiche: Herz-Kreislaufsystem, oberer Verdauungstrakt, unterer Verdauungstrakt, Atmungssystem, urogenitales System, sonstige Organe oder Organsysteme. Insgesamt müssen mindestens drei von 12 definierten Symptomen vorhanden sein. Die Betroffenen sind - im Gegensatz zu Patienten mit einer Somatisierungsstörung - auf die vermeintliche Störung eines einzelnen Organs oder Organsystems fixiert. Eine bestimmte Zeitdauer der Störung ist nicht erforderlich.
Die hypochondrische Störung, die anstelle dieser etwas abfälligen Bezeichnung besser Gesundheitsangststörung heißen sollte, besteht aus einer mindestens sechs Monate anhaltenden Überzeugung, an einer schweren körperlichen Krankheit zu leiden. Zu diesem Störungsbereich wird auch die so genannte Dysmorphophobie gezählt, die als schwer korrigierbare Angst, körperlich entstellt zu sein, definiert wird.
Die somatoforme Schmerzstörung umfasst alle mindestens sechs Monate an den meisten Tagen anhaltenden, schweren und belastenden Schmerzen ohne ausreichende organische Ursachen. Die Schmerzen stehen ständig im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit der Betroffenen.
Die sonstigen somatoformen Störungen sind als Restkategorie von nicht organisch bedingten Störungen des vegetativen Nervensystems anzusehen.
Nach dem amerikanischen psychiatrischen Diagnoseschema DSM-IV zählen zu den somatoformen Störungen auch die so genannten Konversionsstörungen, d.h. die dissoziativen Störungen mit Körpersymptomen, die wie neurologische Störungen aussehen. Diese Auffälligkeiten wurden früher als "hysterische Symptome" bezeichnet. Es handelt sich dabei um nicht organische Krampfanfälle, Sensibilitätsstörungen und Bewegungsstörungen.
Welche Symptome lassen bei einem Patienten darauf schließen, dass die Beschwerden, über die er klagt, im diesem Bereich anzusiedeln sind?
Alle möglichen Körperbeschwerden können als "somatoform" bezeichnet werden, wenn sie nach ausführlicher medizinischer Durchuntersuchung keine ausreichende organische Grundlage aufweisen.
Es handelt sich vor allem um vegetative Störungen und Schmerzzustände, z.B. Kopfschmerzen, Bauchschmerzen, Rückenschmerzen, Gelenkschmerzen, Schmerzen in den Armen und/oder Beinen, Brustschmerzen, Übelkeit, Erbrechen, Schluckbeschwerden ("Kloßgefühl"), Druckgefühl im Bauch, Völlegefühle, Durchfall, häufiger Stuhlgang, häufiges Wasserlassen, Druckgefühl in der Herzgegend, Herzklopfen oder Herzrasen, Schweißausbrüche, Hitzewallungen oder Erröten, Atemnot, Hyperventilation, rasche Ermüdung bei nur leichter Anstrengung.
Wie häufig sind "somatoforme Störungen"?
Bis zu 13 Prozent der Bevölkerung leiden im Laufe ihres Lebens an einem behandlungsbedürftigen somatoformen Syndrom. Der Anteil somatoformer Störungen beträgt in Allgemeinarztpraxen bis zu 35 Prozent, in Allgemeinkrankenhäusern bis zu 30 Prozent. Jeder vierte Patient geht zum Arzt mit körperlichen Beschwerden, die keine oder keine hinreichende organische Ursache haben.
Worin besteht die besondere Schwierigkeit dieses Beschwerdebild zu diagnostizieren?
Oft ist die Abgrenzung gegenüber organischen Störungen gar nicht so einfach, weshalb eine gründliche Durchuntersuchung unbedingt erforderlich ist. Nicht selten bestehen leicht abnorme körperliche Zustände, die jedoch das ganze Beschwerdebild nicht ausreichend erklären können.
Viele Menschen erleben im Laufe ihres Lebens nicht organisch bedingte Körperbeschwerden, leiden jedoch nicht übermäßig darunter. Patienten mit einer somatoformen Störung sind derart eingeengt auf die Beschwerden und fixiert auf organische Ursachen, dass die berufliche oder soziale Funktionsfähigkeit eingeschränkt ist.
Das Hauptproblem ist nicht das Auftreten von körperlichen Beschwerden an sich, sondern ihre Bewertung als gefährlich, was Anlass für ständige Sorgen über den Gesundheitszustand gibt.
Mit zunehmendem Bekanntheitsgrad der Panikattacken erleben sich viele Menschen oft als reine Panikpatienten. Häufig waren schon längst vor einer Panikattacke massive somatoforme Symptome (z.B. nicht organischer Schwindel oder verschiedene Schmerzzustände) vorhanden oder traten als Folge der bewältigten Panikstörung als anhaltend belastende Körpermissempfindungen auf.
Welche Faktoren begünstigen die Entstehung solcher Erkrankungen?
Die Ausprägung somatoformer Störungen wird durch biologische, psychologische und soziale Faktoren begünstigt: genetisch-konstitutionelle Aspekte, z.B. erhöhte Schmerzempfindlichkeit, psychoneuroimmunologische Faktoren, z.B. vermehrte Stresshormonausschüttung in Belastungssituationen, mangelnde Wahrnehmung des inneren Gefühlszustandes, ständige ängstliche Überaufmerksamkeit auf die momentanen Körperempfindungen, Bewertung der relativ harmlosen Symptome als gefährlich, übertriebener Gesundheitsbegriff, psychosoziale Belastungsfaktoren, Häufung von Krankheiten der eigenen Person oder von Familienmitgliedern in der Lebensgeschichte der Betroffenen, Modelllernen, d.h. wie die soziale Umwelt mit Körpersymptomen und Krankheiten umgeht, Traumatisierungen verschiedener Art (z.B. sexueller Missbrauch), ständige organische Durchuntersuchungen, reizarme Umwelt, d.h. mangelnde Stimulierung durch attraktive Lebensbedingungen.
Wie verläuft die Therapie somatoformer Störungen sowohl psychotherapeutisch als gegebenenfalls auch medikamentös?
Nach einer genauen Diagnostik und einer umfassenden Analyse der Bedingungen, die die somatoformen Symptome ausgelöst haben und gegenwärtig aufrecht erhalten, wird den Betroffenen im Rahmen einer Informationsphase zuerst einmal ein hilfreiches Körper-Seele-Modell vermittelt, das heute als bio-psychosoziales Erklärungsmodell bekannt ist. Danach erfolgt eine kognitive und eine körperbezogene Therapie.
Die kognitive Therapie umfasst die Veränderung der Kausalattributionen, d.h. wie sich die Betroffenen die Entstehung ihrer Symptome erklären, die Entwicklung eines realistischen Gesundheitsbegriffs, die Reduzierung des Bedürfnisses nach Rückversicherung und der ständigen Kontrollverhaltensweisen sowie die Bearbeitung hypochondrischer Ängste.
Die Körpertherapie beruht auf Körperwahrnehmungsübungen, Entspannungstherapie (z.B. autogenes Training, Imaginationstechniken, Atemtherapie, Biofeedbacktherapie) und körperlichen Aktivierungsübungen.
Längerfristig wirksame Therapiemaßnahmen beziehen sich auf das, was die Betroffenen zusätzlich noch brauchen, z.B. ein Stressbewältigungstraining, ein Emotionstraining, ein Genusstraining, ein soziales Kompetenztraining, ein Kommunikationstraining, eine Partner- oder Familientherapie, eine Hilfestellung zur Verbesserung der allgemeinen Lebensqualität oder der beruflichen Situation sowie Strategien zur Rückfallsvorbeugung.
Für die medikamentöse Behandlung somatoformer Störungen stehen bislang keine spezifischen Medikamente zur Verfügung. Bestimmte neuere Antidepressiva haben sich als hilfreich erwiesen, auch wenn die Betroffenen nicht depressiv sind.
Bei somatoformen Schmerzstörungen werden verschiedene Schmerzmittel verabreicht.
Der Patient, der unter einer somatoformen Störung leidet, kann eigentlich froh und zufrieden sein, dass es sich bei seinen Beschwerden nicht um eine schwerwiegende körperliche Erkrankung handelt. Trotzdem ist oftmals schwer zu erkennen, dass die Symptome einem psychischen Problem entspringen, gerade und besonders auch bezüglich der Reaktionen im Umfeld des Betroffenen.
Wo besteht hier noch Aufklärungsbedarf?
Den Betroffenen muss man sagen: Weil Ihre körperlichen Symptome nicht oder nicht ausreichend organisch erklärbar sind, deshalb bilden Sie sich die Symptome nicht ein, sondern Sie haben sie wirklich, deshalb sind sie nicht unbelehrbar, sondern einfach noch nicht richtig informiert worden, wie Körper und Seele zusammenhängen, deshalb sind Sie nicht psychisch schwer gestört oder gar "nervenkrank", sondern erleben im und am Körper nur die Ihnen meist ohnehin bekannten psychosozialen Belastungen, mit denen Sie halt nicht ausreichend zurecht kommen.
Den Ärzten und den gesundheitspolitisch Verantwortlichen muss man sagen: Menschen mit somatoformen Störungen werden durch noch so viele apparative Durchuntersuchungen allein nicht geheilt.
Die Betroffenen brauchen auch viele Gespräche, in denen sie Verständnis für ihre Symptome, Aufklärung über die Körper-Seele-Zusammenhänge und konkrete Hilfestellungen im Umgang mit den körperlichen Beschwerden bekommen.
Danke.
© Astrid Krüger
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