Interview mit Gabriele Seeger-Schmietow zum Thema Spinnenphobie.

Gabriele Seeger-Schmietow, Jahrgang 1961, verheiratet, Mutter einer 20jährigen Tochter, wohnhaft im Bottwartal, von Beruf Sekretärin


 

Ein ungutes Gefühl beim Anblick von Spinnen haben sicherlich viele. Doch was macht in Ihren Augen den Unterschied aus zwischen einer echten Spinnenphobie und dem bloßen Gefühl von Unwohlsein?

Sehr viele Leute erzählen davon, dass sie Spinnen nicht leiden können und diese z.B. mit einem Tuch aus dem Raum oder der Wohnung hinaus befördern. Mit Spinnen so umgehen zu können, ist für jeden Phobiker ein Traum.

Meiner Meinung nach ist die Angst dann als Phobie zu bezeichnen, sobald man sein Leben danach ausrichtet, wenn man bestimmten Situationen ausweicht, um der Gefahr einer möglichen Konfrontation zu entgehen. Dann bekommt man Panikattacken, die sich insofern äußern, dass man Atemnot bekommt oder nicht mehr klar denken kann. Außerdem kommt es zu Schweißausbrüchen und, wenn die Anspannung nachlässt, folgt ein Weinkrampf.

Je nachdem wie intensiv bzw. extrem die Situation ist, äußert sich eine Panikattacke mehr oder weniger so, wie oben beschrieben. Phobiker empfinden das Objekt ihrer Phobie als extreme Bedrohung. Ich hätte früher - vor meiner Therapie - geschworen, dass mein Herz einfach stehen bleiben würde, könnte ich einer bedrohlichen Situation mit einer Spinne nicht entfliehen.

Haben Sie einen Anhaltspunkt dafür, woher Ihre Spinnenphobie stammt?

Bei mir war es wohl der Fall, dass mir als Kleinkind im Schlaf eine Spinne über das Gesicht gelaufen ist. Als ich, zu Tode erschrocken, aufwachte, haben mich meine Eltern mit den Worten beruhigt: "Ach, das war doch bloß eine Spinne!" Das war wohl der Beginn meiner Laufbahn als Phobiker.

War sie plötzlich da oder entwickelte sie sich im Laufe der Zeit und wurde immer schlimmer?

Ich kann mich nur an ein Leben mit der Angst erinnern. Ich denke mal, es fing wirklich mit diesem Erlebnis an.

Wie sieht ein Leben mit Spinnenphobie aus?

Man ist ständig auf der Hut, da man immer damit rechnen muss, dass einem eine Spinne über den Weg läuft. Jeder Raum, den man betritt, wird in Sekundenbruchteilen nach diesen Viechern abgesucht. Das geht schon ganz automatisch, man macht das gar nicht mehr bewusst.

Ich vermied Aufenthalte im Freien, konnte mich nicht einfach irgendwo ins Gras setzen. Auch mein Umfeld musste gewisse Verhaltensmaßregeln strikt einhalten, sonst konnte ich ganz schön ungemütlich werden.

Welche Vorsichtsmaßnahmen haben Sie ergriffen, um nur ja keiner Spinne zu begegnen?

Meine Wohnung war stets hermetisch abgeriegelt. Zum Lüften wurden nur bestimmte Fenster geöffnet, an denen Fliegengitter angebracht waren. Abends bzw. in der Dämmerung durfte die Terrassentür immer nur kurz zum Hinein- oder Hinausgehen geöffnet werden. Auch Gäste wurden gebeten, sich an meine Anweisungen zu halten.

Wie reagierten Sie, wenn Sie doch einer begegneten?

Wenn sie einen gewissen Sicherheitsabstand zu mir hatte und "nur" irgendwo an der Wand saß, konnte ich ziemlich beherrscht darum bitten die Spinne zu entfernen, allerdings nur nach von mir bestimmten Regeln.

Weberknechte mussten eingesaugt und die fetten, schwarzen Spinnen mit einem Glas eingefangen werden. Wehe, jemand machte eine Spinne auf dem Boden oder an der Wand platt, dann war ein Wutanfall gesichert. Phobiker empfinden nämlich alles als unrein und verseucht, das mit dem Objekt ihrer Angst in Berührung kommt.

So konnte ich auch niemandem die Hand geben von dem ich wusste, dass er Spinnen mit der bloßen Hand anfasst. Wenn ich unvorbereitet auf eine Spinne traf, reagierte ich je nach Situation mal mehr, mal weniger heftig. Meistens brachte ich mich so schnell wie möglich aus der Gefahrenzone. Dabei raste mein Herz, meine Hände zitterten und nachdem die Spinne beseitigt war, konnte es sein, dass ich einen Weinkrampf bekam. Großer Gott, von den Begegnungen mit diesen Viechern könnte ich Stunden lang irgendwelche Geschichten erzählen, aber das würde hier zu weit führen.

Wie einschränkend ist eine Spinnenphobie in bezug auf den normalen Alltag?

Man sollte es nicht glauben, aber man schränkt sich im Laufe der Jahre tatsächlich sehr ein, ohne dass es einem so richtig bewusst wird. Erst als ich mir während der Therapie diese Frage stellte, wurde mir klar, dass ich es wirklich so weit getrieben habe, dass ich kein Fenster mehr geöffnet habe, keine Toilette betrat, in der eine Spinne in der Ecke saß usw. Ich kontrollierte einfach alles nach Spinnen, wobei ich versuchte, dies alles so unauffällig wie möglich zu machen, denn es war mir ja peinlich vor Fremden.

Wie reagierten andere auf Ihre Problematik?

Es gab ganz verschiedene Reaktionen und die hing davon ab, wie nahe mir die betreffende Person stand. Kollegen oder weitläufige Bekannte, die von meiner Angst zwangsweise irgendwann erfuhren, grinsten darüber oder dachten sich ihren Teil. Sie nahmen mich mit Sicherheit nicht ernst, was an einigen netten, harmlosen Streichen, die sie mir hin und wieder spielten, zu sehen war.

Meine Eltern, die das Drama von Anfang an mitgemacht haben, waren vermutlich ziemlich genervt von mir und mein Mann, der ganz zu Anfang unserer Beziehung meinte, dass er dieses Theater sicher nicht auf Dauer mitmachen würde, räumte später treu und brav jede Spinne aus dem Weg. (Hier kann ich mir ein Grinsen nicht verkneifen...).

Meinen Bruder brachte ich später sogar mit seinen heiß geliebten Käsespätzle dazu, die paar Kilometer von seiner Wohnung zu meiner zu fahren, um mir irgendwelche Spinnen zu beseitigen, die ich entweder zitternd in Notwehr erschlagen hatte oder auf die ich kurzerhand eine Flasche stellte, um sie am Weiterlaufen zu hindern.

Wie lange lebten Sie damit, bevor Sie sich für eine Therapie entschieden?

Zum ersten Mal unternahm ich mit 15 Jahren den Versuch, an eine Therapie heranzukommen, als es mir unerträglich erschien, den Rest meines Lebens so zu verbringen. Leider geriet ich damals an den falschen Arzt, der mir statt einer Therapie lächelnd und mitleidig empfahl, mich doch eingehend mit diesen Tieren zu beschäftigen, dann würde sich diese Angst mit der Zeit schon geben. Meine Güte, habe ich mich damals dafür geschämt! Es fiel mir sowieso schwer genug zu diesem Thema jemanden um Hilfe zu bitten.

Aufgrund dieser Erfahrung war für mich das Thema Therapie, das damals ja auch noch nicht so geläufig war wie heute, aufs Eis gelegt. Erst später, mit schätzungsweise 37 Jahren unternahm ich einen weiteren Anlauf und landete leider bei einer sogenannten Psychologin, die überhaupt keine Ahnung von der Materie hatte. So schmiss ich diese Therapie nach einem Jahr hin. Versuchen Sie mal eine Spinnenphobie mit einer Gesprächstherapie zu heilen, ohne jemals mit einem lebenden Tier zu arbeiten... ohne Worte.

Was war der Anstoß dann noch einmal eine Therapie zu beginnen?

Es gab keinen konkreten Grund dafür. Es war einfach die Verzweiflung und mein sehnlichster Wunsch, dass ich so nicht weiterleben wollte. Ich wollte mich nicht damit abfinden, dass es so weiterging. Immer die Angst im Nacken, sich nie frei fühlen.

Wie kam es dazu, dass Sie ausgerechnet in der Uni in Tübingen Ihre Therapie begannen?

Mein Mann hörte eines Tages einen Aufruf im Radio, dass die Uniklinik in Tübingen Testpersonen, die an einer Spinnenphobie leiden, suchte. Er notierte sich die Telefonnummer und den Namen des Professors, der die Tests leitete. Nachdem ich mit dem sprach, stellte sich heraus, dass ich für diesen Versuch nicht in Frage komme, weil ich zu der Zeit noch geraucht und Hormonpräparate zu mir genommen habe.

Sie können sich sicher vorstellen, wie enttäuscht ich war. Allerdings gab mir der Professor den Tip, mich an die psychologische Ambulanz der Klinik zu wenden. Er erklärte mir, dass es möglich sei, dort eine Einzeltherapie zu machen. Dass es schlussendlich so einfach war an eine Therapie zu kommen, hätte ich nicht für möglich gehalten. Doch ich schöpfte wieder Hoffnung.

Meine Therapeutin erzählte mir dann, dass es diese Psychologischen Ambulanzen auch an anderen Kliniken gäbe. Den weiten Weg nach Tübingen nahm ich jedoch gerne in Kauf, da man mir hier glücklicherweise sehr bald einen Therapieplatz anbieten konnte.

Welche Vorstellung hatten Sie persönlich von Ihrer Therapie?

Keine bestimmte. Ich ließ alles auf mich zukommen und hatte bedingungsloses Vertrauen gemäß dem Motto "man überlebt alles".

Welches Verhältnis hatten Sie zu Ihrer Therapeutin?

Ein super Verhältnis, denn sie war mir wirklich auf Anhieb sympathisch. Ich denke, eine Therapie, bei der Sie sich quasi in die Hände eines Therapeuten begeben, ist nur sinnvoll, wenn Sie das Gefühl haben, Sie können dem Therapeuten voll und ganz vertrauen.

Wie ging die Behandlung vonstatten?

Am Anfang fand ein erstes Gespräch statt. Bis zum nächsten Termin musste ich anschließend eine ganze Sammlung von Fragebogen ausfüllen, die sich mit Fragen zu meinem Leben befassten. Es ging bei der Thematik von der körperlichen Gesundheit über Fragen zur Lebenseinstellung bis zu tiefenpsychologischen Fragen, die im Anschluss daran in den nächsten zwei Sitzungen erörtert wurden. Erst danach fing die eigentliche Behandlung an.

Wir legten zu Beginn der Therapie fest, welches Ziel ich verfolgte, was ich erlernen wollte. Mein Ziel, das mir zu diesem Zeitpunkt noch unerreichbar erschien, muss jedem Nicht-Phobiker ein verächtliches Lächeln entlocken. Ich nahm mir nämlich vor, dass ich eines Tages selbst in der Lage sein wollte, eine Spinne aus meiner Wohnung zu entfernen. Ich wollte nie ein Held werden und künftig eine Spinnenzucht aufmachen oder mir ein Terrarium mit Vogelspinnen halten (grins...)

Und so fingen wir ganz langsam mit dem Foto einer Spinne an, gingen dann ziemlich bald zu der leeren Hülle einer Vogelspinne über und arbeiteten irgendwann mit lebenden Tieren. Man darf es sich aber nicht so vorstellen, dass ich da gegen meinen Willen zu irgend etwas gezwungen worden wäre, was ganz zu Anfang meine größte Sorge war.

Denn es soll ja wirklich Arten von Schocktherapien geben bei denen der Wille der Patienten gebrochen wird. Wer jetzt allerdings glaubt, dass das Ganze ein Spaziergang war, der irrt sich gewaltig. Ich musste mich schon immer wieder selbst zwingen und wurde natürlich von meiner Therapeutin entsprechend dazu motiviert, immer wieder einen Schritt weiter zu gehen. Und immer wieder üben, was in der Therapiestunde gemacht wurde. Bis zum Erbrechen...

Was war während der Therapie für Sie am schwierigsten?

Konsequent am Ball zu bleiben. Man ist irgendwann so weit, dass man das Wort "Spinne" nicht mehr hören kann und sich nichts sehnlicher als eine Ruhepause wünscht. Aber da muss man eben die Zähne zusammenbeißen und durch.

Wie war Ihr eigenes Gefühl bezüglich der Fortschritte, die Sie während der Therapie machten?

Witzigerweise hatte ich immer das Gefühl, dass sich so gut wie gar nichts tut. Oder viel zu wenig. Ich war ständig unzufrieden mit mir selbst und habe mich - wie ich glaube - selbst unter einen enormen Leistungsdruck gesetzt. Dazu war ich ständig unzufrieden, weil mir das Ganze zu langsam ging. Daher konnte ich auch mit Rückschlägen, die es nun mal gibt, nur sehr schlecht umgehen. Oft hatte ich das Gefühl auf der Stelle zu treten und überhaupt nicht voranzukommen. Ich verlor den Blick für die kleinen Fortschritte, die ich machte. Hier war mir meine Therapeutin eine große Hilfe. Sie hielt mir immer wieder vor Augen, wie verzagt ich am Anfang war und was ich in der Zeit alles gelernt hatte, motivierte mich ständig wieder aufs Neue.

Und wie das Gefühl und die Reaktion Ihrer Mitmenschen?

Außer meinem Mann, meiner Tochter und meinen engsten Freunden wusste niemand, dass ich eine Therapie mache. Aber von diesen Menschen tat mir natürlich die Bewunderung und die Achtung, die sie mir bei jedem kleinen Fortschritt entgegenbrachten, unendlich wohl. Man glaubt gar nicht, wie sehr ein kleiner Satz wie z.B. "Meine Güte, wenn ich mir vorstelle, wie du früher auf diese Situation reagiert hättest... und heute bist du fast ganz ruhig geblieben!" motivieren kann! Partner und unmittelbare Freunde können sehr viel mehr helfen und unterstützen, als sie manchmal glauben.

Wie leben Sie heute? Ist die Phobie vollständig verschwunden?

Genau diese Frage stelle ich mir sehr häufig. Ich ertappe mich oft dabei wie ich in der Dämmerung die Terrassentür schließe und mich frage, ob ich es wirklich nur wegen der Stechmücken getan habe oder ob ich mir auch noch andere Tierchen vom Hals halten will. Aber wie auch immer, ich würde es eher so beschreiben, dass mir Spinnen immer noch unangenehm sind, aber dass ich sie einfach kurzerhand ins Freie befördere, wenn sie mir über den Weg laufen.

Ich habe auch nicht mehr das Gefühl, dass alle Spinnen dieser Welt sich ausgerechnet meine Wohnung als Asyl aussuchen. Inzwischen weiß ich, dass sie wirklich vor mir davon laufen und nicht umgekehrt. Zusätzlich habe ich mir abgewöhnt alle Räume, die ich betrete, nach Spinnen abzusuchen. Die Wahrscheinlichkeit, dass eine ausgerechnet auf meinem Kopf landet, ist wirklich äußerst gering.

Jedes Mal, wenn ich während der Therapie Bedenken vor irgend etwas hatte, fragte mich meine Therapeutin: "Und wenn schon? Was kann im schlimmsten Fall passieren?" Und wenn man ehrlich ist, es kann eigentlich nichts passieren. Man überlebt alles. Sollte mir heute mal eine Spinne tatsächlich zu nahe kommen, werde ich bestimmt immer noch erschrecken, aber mich wird nicht mehr die Panik überwältigen. Ich werde sie einfach mit der Hand oder mit irgend etwas abstreifen, mich schütteln und sagen: "Igitt, verschwinde!"

Frau Seeger-Schmietow, besten Dank für dieses Gespräch!

 

Von Gabriele Seeger-Schmietow ist ein Ebook erschienen mit dem Titel:

Spinne ich - oder was???
154 Seiten
Active-Books bei Junfermann

 

in dem sie über ihre Erfahrungen und die Bewältigung ihrer Spinnenphobie in Form eines Tagebuchs berichtet:

Zu bestellen unter:
http://www.activebooks.de/ebooks/detail.asp?ProduktID=604

Leseprobe unter:
http://www.activebooks.de/leseprobe/604.pdf

 

© 2003 Astrid Krüger
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