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Als wir laufen konnten, nahm er uns mit zu
H.; H. war der Drahtzieher (das hat uns «Ghost» -
so nennen wir ihn, denn seinen Namen gibt er nicht preis - einmal
ungewollt verraten). Der hat Treffen mit Gleichgesinnten organisiert.
Die fanden an unterschiedlichen Orten statt. Mal in Hotels, (manche
von uns haben heute noch ein Problem damit, dort zu übernachten),
mal in verschiedenen Wohnungen. Der Ablauf war immer gleich.
Unser Alter gab uns an der Tür ab und ging, um uns ein paar
Stunden später wieder abzuholen.
Es waren auch andere Kinder da. Manchmal holten
sich die Typen einfach nur einen runter, während wir Kinder
dazu angehalten wurden, uns gegenseitig was reinzustecken und
so was. Manche standen auf Lolitas, manche auf Hardcore. Wir
waren gut, wir hatten für jeden Wunsch eine Person, die
das konnte. Ghost war derjenige, der drauf abgerichtet war, anderen
Kindern weh zu tun.
Nach dem, was wir bis jetzt wissen, hat H.
das bewusst herbeigeführt. Der wusste, wie er das schaffte
und wie man Kinder zum Dissoziieren bringt Ghost hat er immer
erzählt, dass er mal sein Nachfolger sein würde, weil
er so schön hart sei und nicht so ein Weichling oder eine
Nutte wie die anderen. Der hat bis heute nicht begriffen, dass
er mit diesen Weichlingen und Nutten in einem Körper festsitzt.
Verletzungen wurden noch vor Ort von H. versorgt.
Und H. hatte noch eine andere Spezialität: Versteckte Kameras.
Der hat eine umfangreiche Filmsammlung angelegt. Ob nur zur Erpressung
und Absicherung oder auch für den «Filmmarkt»,
wissen wir nicht. Wir vermuten, dass unser Alter auch mal Kunde
bei H. war und der ihn so dazu gebracht hat, uns dort abzuliefern.
«Wir hatten alle bestimmte Aufgaben»
Als der Körper sechs Jahre alt war, sind
wir dort weggezogen. Danach gab es von H. bei seltenen Besuchen
nur noch das Auffrischen der Schweigeprogramme. Ansonsten hatten
wir es nur noch mit dem Alten zu tun. Der ließ das endlich,
als wir mit neun Jahren eine schwere Verletzung erlitten und
zum Arzt mussten. Der Hausarzt hat zwar nicht geholfen, sondern
lediglich Kamillesitzbäder verordnet. Aber es reichte, um
dem Alten genug Angst zu machen. In dieser Zeit ist Tina entstanden.
Tina war ursprünglich dafür da, die Prügeleien
von unserer Alten (Erzeugerin) auszuhalten.
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Landkarte
der Persönlichkeiten:
Zur besseren Veranschaulichung
der diversen «Alters» haben Martha & Co, eine
Art Plan angefertigt |
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War eigentlich harmlos (so Nasenbluten und
Platzwunden, ist echt nichts besonderes), aber es reichte, um
Martha aus dem Konzept zu bringen. Und das war nicht gut. Die
musste funktionieren, damit niemand etwas merkte.
Martha ist entstanden, als der Körper
vier Jahre alt war. Wir brauchten jemanden, der das allgemeine
Chaos zu Hause aushalten und trotzdem noch funktionieren konnte.
Nina konnte und kann das nicht. Die hat nur die guten Erinnerungen
(die gabs auch). Wir hatten alle bestimmte Aufgaben. Femme beispielsweise
war eine Klasse-Lolita. Ich (Peter) konnte den stärksten
Hardcore aushalten, ohne dass es mir etwas ausmachte. Stella
weinte, wenn die das wollten, etwas, was ich nicht kann. Und
so geht das weiter. «Die Stimme» ist praktisch körperlos.
Wir nennen sie auch «Die Diva», weil sie im Hier
immer nur kurze, aber sehr einprägsame Auftritte hat, eben
wie eine Diva.
Das Milieu, in dem wir aufwuchsen, war sonst
ein klassisches Arbeitermilieu. Unsere Alte war Köchin,
der Alte Taxi-Fahrer. Was wir der Alten wohl zugute halten müssen,
ist, dass es nie eine Diskussion darum gab, dass Martha Abi machen
und studieren würde. War die Basis, um da raus zu kommen.
Die Erzeugerin ist übrigens immer noch bei dem Alten, obwohl
sie sich an die Verletzung damals erinnert und sagt, sie würde
uns glauben.
Und unser Bruder? Der war früher sehr
wichtig. Wenn der da war, waren wir sicher. Der schleppt seine
heute fünf Jahre alte Tochter weiter zu dem Alten und meint,
er könne der doch den Kontakt zu den Großeltern nicht
unterbinden.
Nach außen sah das alles weitgehend
«normal» aus. Ach ja, da gab es noch eine Tante,
der hat eine von den Kleinen mal davon erzählt, dass «der
Pap immer sagt, dass sie Geld verschlucken würde und er
das da hinten rausholen müsse, sie aber doch gar kein Geld
verschlucken würde». Die Tante hat nichts gemacht.
Selbst dann nicht, als sie von der Verletzung erfahren hat.
Der Alte heute? Angesehenes Partei-Mitglied
in seinem Dorf. Den finden alle nett, so hilfsbereit. Genugtuung
ist, dass er wohl langsam an seiner Leberzirrhose krepieren wird,
die er sich nicht durch Alk, sondern durch Hepatitis B und C
eingefangen hat.
Wie ich zur
Therapie gekommen bin (erzählt von Martha): Na
ja, ich bin ja nicht blöd. Wenn man ca. 100 Kilo wiegt, obwohl
man pro Monat Lebensmittel für ca. 1000 Mark erbricht, stimmt
was nicht. Mal abgesehen von meiner depressiven Stimmungslage, dem
Gefühl, mit anderen nicht klarzukommen etc. Also habe ich mich
an eine Psychosomatik-Klinik gewandt und dort acht Wochen stationäre
Gruppentherapie gemacht.
Als dort die ersten Flashs kamen und ich tatsächlich
auch noch versuchte, das in der Gruppe zu thematisieren, wurde
ich komplett ignoriert (wie damals wohl unsere Kleine, die der
Tante vom Alten erzählte). Weitergemacht habe ich nicht,
da «alle anderen viel stärker eingeschränkt waren»,
so mit Angst, nicht Autofahren zu können, Angst vor Prüfungen,
Angst, einkaufen zu gehen. Das waren alles Dinge, die ich konnte.
Funktioniert hatte ich bis dahin immer. Ach
ja, natürlich hatte ich niemandem von den zwei bis sechs
Ess-Brechanfällen pro Tag berichtet. War auch kein Problem,
das dort geheim zu halten. ich war dort wegen «Adipositas».
Ja, und dann? Es wurde ja nicht besser und
das mit dem Gewicht sah ich schon als Problem. Beim Rest dachte
ich immer, dass ich mich nur anstellen würde und mich einfach
mehr zusammen reißen müsste. Also habe ich einen zweiten
Anlauf gemacht: ambulante Gesprächstherapie, tiefenpsychologisch
fundiert. War eine nette Frau und es reichte vollkommen aus für
Flashs, Alpträume etc. Ich schrieb auch immer auf, was mir
so auffiel an Träumen und so. Bloß, dass ich es immer
«vergaß» dann mitzubringen.
Merkwürdigerweise befanden sich die Schriftstücke
auch dann nicht in meiner Tasche, wenn ich sie selbst vorher
dorthin gepackt hatte. Hatte wohl jemand fein säuberlich
entfernt. Ja und als das alles zu dicht wurde, nahm ich die erstbeste
Gelegenheit wahr, diese Therapie abzubrechen.
Flashs, Selbstverletzung und Suizidgedanken
Ein halbes Jahr später hatte ich meine
erste Beziehung, die länger als drei Wochen halten sollte
- trotz Intimität. Klar hatte ich mich öfter in fremden
Betten wiedergefunden, aber das immer auf meine «Verdorbenheit»
zurückgeführt. Gedanken darüber, wie ich da überhaupt
erst reingelangt war, machte ich mir damals nicht.
Diese Beziehung war etwas anderes. Eigentlich
ein Versehen, denn ursprünglich hatte ich O. nur gebeten,
mich zum Schein zur Hochzeit meines Bruders zu begleiten, weil
ich es leid war, die nervenden Fragen der Verwandten zu beantworten.
Daraus wurden immerhin zwei Jahre. Davon waren 23 Monate durch
zunehmende Symptome geprägt: Panikattacken, Schlafen nur
noch bei Licht, irgendwann keine Intimität mehr, Alpträume,
Flashs tagsüber, Selbstverletzung (damals noch ohne Rasierklingen),
depressive Verstimmung, suizidale Gedanken, schwerste Konzentrationsstörungen
usw. Immer dann, wenn bei mir eine Ahnung hochkam wegen der Flashs,
sagte ich mir, dass ich spinne, an so etwas müsste ich mich
doch erinnern.
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«Femme war eine
Klasse Lolita. Ich (Peter) konnte den stärksten Hardcore
aushalten, ohne dass es mir etwas ausmachte. Stella weinte, wenn
die das wollten, etwas, was ich nicht kann. Und so geht das weiter.» |
Dann habe ich ein Praktikum in der Psychiatrie
gemacht. Eine der Patientinnen dort hatte einen psychogenen Anfall.
Hinterher sagte der Stationsarzt zu mir: «Wenn Sie mehr
zu dem Thema wissen möchten, ich kann Ihnen ein Buch empfehlen:
'Seelenmord' von Ursula Wirtz.»
Mir wurde schwindlig. Ich hatte das Gefühl,
gleich umzukippen und dachte nur noch: «Woher weiß
der das? Sieht man mir das an?» Tatsache ist, dass dieser
Arzt das Buch damals fast jedem empfahl. Ich besorgte mir das
Buch, las es. Darin gab es eine Liste von Symptomen und es stand
darin, «wenn sie mehr als vier Symptome haben, ist ein
Missbrauch in der Kindheit wahrscheinlich». Mir fehlten
zwei von 15 oder 17 Symptomen.
Die folgenden zwei Monate verbrachte ich damit,
mich zum Supermarkt zu bewegen, einzukaufen, zu fressen, zu brechen
und trotzdem 20 Kilo zuzunehmen. Erspartes hatte ich danach nicht
mehr. Dann fasste ich endlich den Mut, zum Telefonhörer
zu greifen, diesen Stationsarzt anzurufen und nach einem guten
Therapeuten für posttraumatische Störungen zu fragen.
Dieser Stationsarzt ist seitdem unser Therapeut. Er wollte sich
gerade niederlassen. Es ging gerade noch so, da ich ihn nur drei
Tage sehr flüchtig hatte kennen lernen dürfen. Etwas
länger und die Grenzen wären zu sehr verwischt gewesen.
Aber so reichte es, um das nötige Vertrauen zu haben, damit
überhaupt zu einem männlichen Therapeuten zu gehen.
Bereits im ersten Jahr der Therapie tauchten
die anderen vermehrt auf. In der Therapie selbst aber nur verdeckt,
nicht offen: Als es dann crashte und wir hochsuizidal in die
Klinik gingen, tauchten sie dort auch konkret auf Es wurden sogar
einige der Namen von uns genannt. In unseren Tagebuchaufzeichnungen,
die der dortige Stationsarzt kopierte, waren sehr deutlich die
unterschiedlichen Handschriften zu sehen. Aber niemand dort nahm
es wahr.
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Es folgte eine Phase, in der ich mich erst mal
stabilisieren und mein Studium zu Ende bringen musste. Irgendwie
schaffte ich es und ich dachte sogar schon, na, noch ein paar
Monate und dann Schluss. Hatte manchmal gar keine Lust, überhaupt
die Zeit aufzuwenden, zu unserem Therapeuten zu gehen. Was mich
stutzig werden ließ, war die Tatsache, dass die Essstörung
einfach nicht weggehen wollte und dann riss mir plötzlich
nachts im Schlaf ein Muskel im Rücken. |
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«Die
anderen haben beschlossen, zunächst ohne mich Traumabearbeitung
zu machen, so dass sie erst einmal mit dem Kram besser umgehen
können. Mein Job war und ist eben 'das normale Leben'.» |
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Nun bearbeitete mich unser Therapeut, doch mal
mit EMDR (Eye Movement Desensitization and Reprocessing, Behandlungsmethode
aus der Psychotraumatologie, Anm. der Verfasserin) zu gucken,
ob nicht noch irgendwo etwas hängen würde. Sechs Monate
später war ich einverstanden. |
Den «Haufen» kennen
gelernt
Nach der ersten EMDR-Sitzung
bekam ich Tina erstmals mit. Sie haute mit dem Handgelenk so
lange gegen ein Treppengeländer, bis das Gelenk fast doppelt
so dick war und das Treppengeländer eine Delle hatte. Damals
wurde sie noch tasmanischer Teufel genannt. Ihren Namen kannte
ich nicht. Ich war ziemlich entsetzt.
Nebenher arbeitete ich nach Abschluss
meines Studiums ganztags als Ärztin. Unser Therapeut meinte
schließlich, noch ein paar EMDR-Sitzungen, um da möglichst
schnell durchzukommen. Okay, noch ein paar EMDR-Sitzungen weiter
war eine von den Kleinen nicht mehr zu übersehen und ein
paar weitere Sitzungen und er bekam von Tina eins verpasst. Ich
war völlig fertig. Suizidal wie seit Ewigkeiten nicht mehr.
Also nahm ich eine Woche Urlaub, um in die Klinik zu gehen. Das
reichte aber, um einen ersten Handel mit den anderen zu schließen:
«Ihr lasst mich arbeiten und dafür macht ihr den Rest
der Zeit, was ihr wollt».
Tja, so habe ich den Haufen kennen
gelernt. Anfangs bildete ich mir noch ein, zumindest immer zu
wissen, was so passierte. Das musste ich inzwischen aufgeben.
Das mitzubekommen hat mich völlig panisch werden lassen.
So als Kontrollfreak. Das geht inzwischen auch. Eigentlich genauso
viel Hilfe auf diesem Weg wie unser Therapeut, der sich beständig
weiterentwickelt hat, brachte der Austausch mit anderen Betroffenen,
nicht zuletzt über das Internet.
Wie geht es weiter mit
Martha & Co.? (von Martha erzählt): Unser Therapeut sieht
unsere Prognose recht günstig. Gemessen daran, wann die Diagnose
erstmals gestellt wurde (vor eineinhalb Jahren) sind wir ziemlich weit.
Außerdem erfüllen wir die Kriterien für günstige
Prognosen. Immer pünktlich zu den Terminen, immer an Absprachen
gehalten, stabile äußere Lebensumstände (Abgeschlossenes
Studium, fester Job und so), inzwischen auch ein gutes soziales Netz,
so dass wir außer ihm noch andere Bezugspersonen in Krisen haben.
Was noch fehlt ist wohl ein Lebensabschnittsbegleiter, aber auch da bahnt
sich gerade etwas an.
Ich schätze noch zwei bis
drei Jahre Therapie, wenn nichts unerwartetes dazwischen kommt.
Der Therapieverlauf ist nicht so schön strukturiert, wie
sich das in der Literatur findet. Alle Phasen finden abwechselnd,
zum Teil gleichzeitig statt. So habe ich beispielsweise schon
einen Grossteil Trauerarbeit in bezug auf meine Eltern gemacht.
Das war auch notwendig, damit ich mich emotional abnabeln konnte.
Gleichzeitig nehmen «neue» Leute, d.h., welche, die
noch keinen direkten Kontakt zu unserem Therapeuten hatten, erstmals
Kontakt auf, also Beziehungsaufbau. Andere üben untereinander
zu kommunizieren und zu kooperieren. Gleichzeitig gibt es immer
wieder kleine Sequenzen von Traumabearbeitung -- bis jetzt an
einzelnen Szenen und mit kleineren Gruppen von Innenpersonen,
also die, die direkt betroffen sind.
Dazu nutzen wir EMDR, aber in
einer etwas abgewandelten Form. Nicht so, wie es in der Grundausbildung
EMDR gelehrt wird. Ich bin normalerweise nicht dabei, weil ich
es zwar durchaus verkrafte, hinterher zu lesen, was die anderen
dazu aufschreiben und so ein formales Wissen darüber besitze,
was den anderen und diesem Körper angetan wurde. Ich habe
aber Mühe, stabil zu bleiben, wenn ich direkt dabei bin.
Deshalb haben die anderen beschlossen, zunächst ohne mich
Traumabearbeitung zu machen, so dass sie erst einmal mit dem
Kram besser umgehen können und mich -- sollte ich einbezogen
werden -- besser unterstützen können. Mein Job war
und ist eben «das normale Leben». Das soll nicht
gefährdet werden.
Neben den ein- bis zweiwöchentlichen
Terminen (öfter geht es nicht) arbeiten wir sehr viel intern,
beispielsweise, indem hier Leute Lösungsmöglichkeiten
für interne Probleme erarbeiten, mit Freunden reden etc.
Hilfreich ist der Kontakt zu anderen Multis, weil die manchmal
schon Lösungen für ähnliche Probleme erarbeitet
haben und so gute Impulse setzen können. Außerdem
tut es gut, auch ohne große Worte verstanden zu werden.
Wobei es eine Einschränkung
gibt: Wir haben Probleme mit Multis, die zu sehr auf ihren sekundären
Krankheitsgewinn pochen (ich kann grad nicht saugen, weil ich
multipel bin). So etwas haben wir nie haben wollen, werden wir
nie wollen. Das einzige, was uns sehr gelegen käme, wäre
eine Verlängerung der Tageszeit von24 auf 48 oder besser
72 Stunden, weil einfach die Zeit fehlt, dass alle gleichermaßen
ihren Interessen nachgehen können.
So würde Tina gern mehr
mit Computer und Technik machen, Stella noch freie Kunst studieren.
Peter möchte gerne seine philosophischen Texte lesen. Die
Kleinen möchten alle möglichen Spiele machen, Bogenschiessen,
Karate und so etwas. Das klappt leider nicht neben einem Fulltime-Job
im Krankenhaus.
ASTRID
KRÜGER ist freie Journalistin.
Sie lebt und arbeitet in Bonn.
Wo viele Stimmen in einem Körper wohnen
Nach einer Studie von Putnam u.A. entsteht das
Bild der «Multiplen Persönlichkeitsstörung» schon früh und
ausschließlich bei einem Trauma vor dem fünften Lebensjahr. In
96 Prozent aller Fälle beginnt die Störung auf Grund von
fortgesetztem sexuellem oder physischem Missbrauch bzw. von
Vernachlässigung. Bei 80 Prozent der Betroffenen spielen
alle drei Komponenten eine Rolle.
Die restlichen vier Prozent werden dadurch traumatisiert, dass
sie im frühen Kindesalter operiert werden und währenddessen aus
der Narkose erwachen. Die hiervon Betroffenen zeichnen sich meist
durch eine weitaus geringere Anzahl von Persönlichkeiten und weniger
Symptomen aus.
Host und Alters
Die Störung selbst kann in sehr unterschiedlichen
Formen auftreten. Jeder der davon betroffen ist, entwickelt sie
praktisch neu und für seine Lebenssituation maßgeschneidert. Der
Host, die Person, die den Großteil des «normalen Alltags» bestreitet,
wird auch als Gastgeber bezeichnet. Eigentlich wird hier ein falscher
Begriff gewählt, da derjenige das schließlich nicht gerne und schon gar
nicht aus freien Stücken macht.
Generell ist die Multiple Persönlichkeitsstörung
dadurch gekennzeichnet, dass zwei oder mehr Persönlichkeiten
oder Persönlichkeitszustände (oftmals bis zu 100) in
einer Person existieren. Davon übernehmen mindestens zwei
zeitweise die Kontrolle über das Funktionieren des Körpers.
Für wenigstens einige Persönlichkeiten (fachmännisch:
Alters genannt) besteht dabei Gedächtnisverlust, während
andere die Kontrolle über den Körper innehaben. Der
Grad der Kooperation der einzelnen Alters- sowie der Grad des
Co-Bewusstseins (Möglichkeit auf Erinnerungen und Handlungen
der verschiedenen Persönlichkeiten zuzugreifen und die Fähigkeit
die Kontrolle über den Körper zu koordinieren) variiert
dabei sehr stark Wie aber kommt es zur Dissoziation? Das beste
Beispiel ist hierfür das kleine Mädchen, das nachts
sexuell belästigt wird. Es wird sich schlafend stellen,
da es seinem natürlichen Impuls, um Hilfe zu schreien, nicht
folgen kann. So muss es andere Mechanismen entwickeln, dem Schmerz,
der ihm zugefügt wird, zu entfliehen. Daraus entwickelt
das Kind verschiedene Persönlichkeiten. Eine, die im Bett
liegt und an der die sexuellen Handlungen vorgenommen werden.
Eine zweite, die Macht entwickelt und vielleicht selber einem
anderen Schaden zufügt. Die dritte wiederum ist dafür
da, dass der Tagesablauf normal verläuft und sie nach außen
hin perfekt funktioniert.
Langwierige Therapie
Die Behandlung ist schwierig
und grundsätzlich langwierig. Dabei resultieren die Probleme
weniger aus der Muitipizität selbst, als vielmehr aus den
zahlreichen, mit der meist chronischen Gewalterfahrung verbundenen
anderen Symptomen wie Ängsten, Panik, Schlafstörungen,
Depressionen, Selbstverletzungen, usw. Bei Bedarf gibt es die
Möglichkeit Anti-Depressiva und Tranquilizer zu verabreichen.
Die können nicht heilen, sondern dem Betroffenen nur helfen,
mit seinen Beschwerden zu leben. Helfen kann nur eine Psychotherapie
bei einem qualifizierten Traumatherapeuten. Dessen Ziel ist es,
die multiple Persönlichkeit vom bloßen «Funktionieren»
in ein «normales» Leben zu führen. Seine Aufgabe
ist es, zusammen mit dem Patienten eine Verarbeitungsstrategie
zu entwickeln. Dabei geht es darum, dem Patienten die Bürde
zu nehmen, das Trauma
ständig wiederzuleben. Aus
dem «Hier-und-Jetzt-Erleben» soll eine Geschichte
werden, von der der Patient weiß, dass sie schlimm war,
aber der Vergangenheit angehört. Die einzelnen Persönlichkeiten
müssen lernen, miteinander zu kommunizieren und zu kooperieren,
also Kompromisse zu finden und gemeinsame Ziele zu formulieren,
ihre Erinnerungen zu teilen. Es herrscht jedoch Uneinigkeit darüber,
ob Heilung die Verschmelzung der einzelnen Alters zu einem einzigen
ist. Die Alternative wäre, das Verständnis der Persönlichkeiten
untereinander zu fördern, um eine bessere Zusammenarbeit
als bisher zu ereichen. So Unriten die zusammen das alltägliche
Leben und die Kontrolle über den Körper bewältigen.
Bei der Multiplen Persönlichkeitsstörung und der Schizophrenie,
obwohl vom Laien häufig verwechselt, handelt es sich um
zwei völlig unterschiedliche Krankheitsbilder. Schizophrene,
die Halluzinationen haben, sind davon überzeugt, dass diese
da sind. Sie lassen sich, wenn überhaupt, nur vordergründig
davon abbringen. Eine Multiple Persönlichkeit mit Flashs,
die von Unwissenden manchmal mit Halluzinationen verwechselt
werden, weiß genau, dass eigentlich niemand in der Wohnung
sein kann, obwohl sie dieses Gefühl hat. Sie kann also ihre
Wahrnehmung differenzieren und einen Realitätsabgleich durchführen.
Und die Stimmen? Schizophrene lokalisieren sie zumeist außen.
Oft werden ähnliche Dinge wiederholt. So berichten sie von
Beschimpfungen durch Nachbarn. Multiple können sehr genau
angeben, dass es Stimmen von innen, aus dem Kopf, sind. Die Inhalte
sind erheblich vielfältiger und beziehen sich nicht ständig
auf denjenigen, der sie hört -- wie bei Schizophrenen. Schizophrene
zeichnen sich ebenfalls dadurch aus, dass ihnen ihre Erkrankung
das Erkennen sozialer Situationszusammenhänge erschwert.
Multiple, im Gegensatz dazu, sind Meister darin. Sie waren Zeit
ihres Lebens darauf angewiesen, selbst geringste Änderungen
zu erkennen, um überleben zu können.
ASTRID KRÜGER
Bücher zum Thema
Sabine Marya: Schmetterlingsfrauen . Ein Selbsthilfebuch für Frauen
mit multipler Persönlichkeit.
Verlag Frauenoffensive, 1999
Walburga Temminghoff: Eine-Sein.
Viele-Sein. Eine werden?
Psychiatrie-Verlag, 1999
Christian Scharfetter: Dissoziation,
Split, Fragmentation .
Nachdenken über ein Modell.
Hogrefe, 1999
Diese Bücher können
Sie beim intra Bücherservice bestellen. |