schriftenreihe gegen sexualisierte gewalt Band 4/2002, Seite 251 ff. ISBN 3-9805445-6-7

Astrid Krüger

MPTT (Mehrdimensionale psychodynamische Traumatherapie)

MPTT (Mehrdimensionale Psychodynamische Traumatherapie nach Fischer)

MPTT gehört neben PITT (Psychodynamisch-imaginative Traumatherapie nach Reddemann) und dem Manual der kognitiv-behavioralen Traumatherapie nach Meichenbaum zu den Methoden, die den besonderen Anforderungen aus dem Bereich der Verfahren im traumatherapeutischen Bereich genügen.

Voraussetzung für eine Ausbildung in MPTT sind daher Kenntnisse in psychoanalytisch oder tiefenpsychologisch fundierten Verfahren sowie Erfahrungen im Bereich der Verhaltenstherapie, da Komponenten all jener Methoden Anwendung finden.

Die Idee eines mehrdimensionalen Zugangs zum Trauma entstand aus der Erfahrung heraus, daß Betroffene häufig an gemischten Traumata leiden und weniger an spezifischen, die sich lediglich auf bestimmte Bereiche beziehen. Daher werden im MPTT verschiedene traumatherapeutische Techniken flexibel angewandt und auf das jeweilige Beschwerdebild individuell zugeschnitten.

Vier verschiedene Dimensionen des Traumageschehens finden ihre Anwendung, die sich optimal ergänzen. Dimension I beschäftigt sich mit dem natürlichen Verlaufsprozeß der traumatischen Erfahrung, Dimension II mit der traumatischen Situationserfahrung, Dimension III mit der Persönlichkeit des Betroffenen und seinem sozialen Umfeld, Dimension IV regelt den Therapieverlauf.

Wichtig für die Bestimmung der richtigen Therapieform sind die Zeitdimension mit der Frage danach, in welcher Phase des Traumaverlaufs sich der Patient befindet sowie die Situationsdimension, um abzuklären, ob es sich um eine einfache (Typ I) oder komplexe (Typ II) Traumatisierung handelt. Zu klären sind aber auch im Bereich "Persönlichkeit und soziales Umfeld" die Lebensgeschichte des Patienten, eventuelle Vortraumatisierungen und die Frage, um welchen Persönlichkeitstyp es sich handelt.

Der therapeutische Prozeß besteht dann in der Regel aus einer konzentrierten Fokaltherapie mit Einleitungsphase, Durcharbeiten und Trennungsphase. Therapieplanung sowie Verlaufskontrolle als auch Katamnese sind angelegt im Kölner Dokumentationssystem für Psychotherapie (KÖDOPS).

Welcher Therapietyp angewandt wird, hängt entscheidend von der Frage ab, wie lange das Trauma zurückliegt. Die Akuttherapie befaßt sich demzufolge mit einem Therapiebeginn innerhalb von drei Monaten nach dem Ereignis. Voraussetzung ist hier des weiteren, daß kein schwerwiegendes Vortrauma oder eine Persönlichkeitsstörung vorliegt.

Länger zurückliegende Traumatisierungen im Erwachsenenalter erfordern in der Therapie einen mittelfristigen Prozeß, da nach circa einem Dreiviertel Jahr eine physiologische Konsolidierung des Traumaschemas vorliegt. Länger bestehende Traumata, oftmals nach schweren Traumatisierungen schon während der Kindheit, bedürfen dagegen einer Therapie im langfristigen Prozeß.

Im Rahmen der Forschung des Deutschen Instituts für Psychotraumatologie in Köln hat sich dabei ergeben, daß nur rund ein Drittel aller Traumaopfer letztlich wirklich einer qualifizierten Psychotherapie bedürfen. Das "obere Drittel kommt im allgemeinen ohne fachliche Unterstützung über die Erfahrung hinweg. Das mittlere Drittel kann in die sogenannte "Kippgruppe gerechnet werden. Das bedeutet, daß sie zwar einer Beratung bedürfen, aber nur bei ungünstigen sozialen Umständen in die Risikogruppe abwandern. Das ist letztlich die, die definitiv auf eine qualifizierte Traumatherapie angewiesen ist, um das Erlebte verarbeiten zu können.

Im Gegensatz zu vielen anderen Verfahren ist es ein wichtiges Anliegen des MPTT, die Symptome des Patienten nicht einfach als Krankheitszeichen zu behandeln. Die Betroffenen lernen vielmehr, die Symptome als wichtigen Lösungshinweis zur Überwindung und für den Neustart in ein Leben danach zu deuten. Dabei werden intrusive Gedanken, die ein Wiedererleben des Traumas darstellen, beispielsweise als Bemühung des psychischen Systems gewertet, die traumatische Erfahrung zu reprozessieren, um sie endlich überwinden zu können. Unsere Psyche startet diesen Versuch immer wieder, so lange, bis die günstige Chance gegeben ist, das Trauma endgültig zu integrieren. MPTT stärkt und respektiert diesen natürlichen Heilungsverlauf grundsätzlich.

Im MPTT wird schon im Vorfeld versucht, die für den Patienten richtige Therapieform zu wählen, um so individuell auf ihn eingehen zu können. Dabei wird zwischen fokussiertem und nicht-fokussiertem Therapietyp unterschieden. Nicht-fokussiert bedeutet dabei, daß dem Patienten ein Höchstmaß an Freiheit ingeräumt wird, sich den Weg zur Annäherung an das Trauma selbst zu suchen und zu finden. Beim fokussierten MPTT greift der Therapeut stärker trukturierend in die Therapie ein. Hier wird auch, bei einigen Patienten absolut notwendig, ein therapeutischer Vertrag aufgestellt, an den sich beide Seiten halten sollten.

Für die Wahl des richtigen Therapietyps ist auch wichtig in Erfahrung zu bringen, welche traumatischen Prozesse, ob horizontal oder vertikal, überwiegen. Vertikal bedeutet: Negation des Selbstbezugs, (Verdrängung), fraktioniertes Schema, kein Merken von Merken und Wirken. Horizontal bedeutet dagegen: Szenenfolge, fraktioniertes Schema, States of mind (Erlebniszustände).

Beim vertikalen Schema liegt weiterhin zumeist ein relativ einheitlich organisiertes Ich-Selbst-System vor. Hierbei könnte man auch von einer neuroseähnlichen Form der Kontrolle sprechen. Dieser Typ verdrängt, schließt Motive oder entsprechende Handlungsschemata von sich aus.

Im horizontalen Schema teilt sich das Ich-Selbst-System in verschiedene Segmente auf, die als states of mind, Stimmungslagen und Erlebniszustände, die als persönlichkeitstypisch bezeichnet werden. Dies ist bekannt aus dem Bereich der dissoziativen Störungen.

Bei der Diagnose dieser Zustände stehen an einem Ende Störungen vom neurotischen Verarbeitungstypus, am anderen Ende multiple Persönlichkeiten und Borderline-Störungen. Welcher State erreicht ist, kann anhand verschiedener Fragebogen wie dem Fragebogen für dissoziatives Erleben (FDE) von Fryberger et. al. Und dem SKID-D (Witchen et. al) eingeschätzt werden.

Ein Überblick über das Spektrum und den Schweregrad traumatischer Vorerfahrungen, bietet das Kölner Traumainventar (KTI) von Fischer und Schedlich aus dem Jahre 1995. Kontraindikationen für MPTT Prozeßtherapie sind psychotische Prozesse, psychopathische Tendenzen, insbesondere bei dissoziativer Persönlichkeit, hirnorganisch bedingte Störungen sowie eine massive somatoforme Beteiligung am Symptombild des Patienten.

(c) Astrid Krüger, Bonn, August 2001

Gottfried Fischer

Mehrdimensionale Psychodynamische Traumatherapie
Manual zur Behandlung psychotraumatischer Störungen
Asanger
ISBN 3-89334-347-4
 

Erschienen in der: "schriftenreihe gegen sexualisierte gewalt Band 4/2002, Seite 251 ff. ISBN 3-9805445-6-7" der Bundesarbeitsgemeinschaft Prävention und Prophylaxe.

Bestellungen des Bandes direkt über die Homepage der Bundesarbeitsgemeinschaft unter: http://www.bundesarbeitsgemeinschaft.de/schriftenreihe.htm.

Desweiteren gibt die Bundesarbeitsgemeinschaft vierteljährlich eine Zeitschrift heraus. Informationen und Bestellmöglichkeiten sofort über: Fachzeitschrift "Prävention & Prophylaxe der Bundesarbeitsgemeinschaft

© Astrid Krüger

Astrid Krüger, Jahrgang 1964. Sie hat ihre eigenen Erfahrungen mit Panikattacken und Phobien in dem Buch "Panik - Chance für einen Neubeginn?" verarbeitet und darüber den Zugang zum Schreiben gefunden. Sie ist als Journalistin und Autorin psychologischer Artikel tätig. Der Schwerpunkt hierbei liegt auf Behandlungsmethoden und Erkrankungen aus diesem Bereich, die noch nicht das Allgemeininteresse gefunden haben.

Der Zugang zu diesem Thema erfolgte durch den Kontakt zu einer Ärztin für psychotherapeutische Medizin, deren Schwerpunkt die Behandlung der "Multiplen Persönlichkeitsstörung/Dissoziativen Störung" ist.

 

© 2003 Astrid Krüger
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