Kommentar von Dr. Hans Morschitzky, Linz

zum Erfahrungsbericht von Madeleine.

Der Erfahrungsbericht von Madeleine könnte auch von einer meiner Patientinnen stammen. Er ist beeindruckend und stellt ein typisches Beispiel dar, wie verschiedene Ängste im Laufe der Zeit ineinander übergreifen. Ich nehme zu verschiedenen Passagen Stellung.

Die Verlustangst als Kind ist aufgrund der Familiensituation sehr verständlich. Trennungsängste von Kindern unter sechs Jahren gelten als Analogon für Panikattacken von Erwachsenen. Neuere Studien haben ergeben, dass Kinder unter acht Jahren noch keine typischen Panikattacken haben.

Nach neueren Erkenntnissen haben "hypochondrische" Patienten (besser: Menschen mit Gesundheitsängsten) bereits in der Kindheit häufig unter funktionellen Magen-/Darmproblemen gelitten.

Ängste bei Kindern zeigen sich übrigens stets im "Bauch", nicht bei Herz, Lunge oder Kopf wie oft bei Erwachsenen. Verdacht auf Blinddarmentzündung oder - bei Mädchen bzw. Frauen - Verdacht auf Störungen im Bereich der Frauenorgane ("chronische Unterbauchbeschwerden bei Frauen") ist eine häufige Fehldiagnose bei somatoformen Störungen.

"Der Exorzist", im Alter von 16 Jahren angeschaut, löste nach den frühkindlichen Verlustängsten um die Eltern/Mutter jetzt Verlustängste um das eigene Leben aus. Eine typische Panikstörung war dies jedoch nicht, sondern es handelte sich vielmehr um phobische Ängste mit panikähnlichen Zuständen.

Vor vier Jahren entwickelte sich am Arbeitsplatz eine chronische Stresssituation, wie diese oft - nicht jedoch bei Madeleine - den Boden für die Entwicklung von Panikattacken darstellt. Bei Madeleine begann spätestens zu diesem Zeitpunkt die Ausformung einer hypochondrischen Störung. Symptome, die durchaus eine organische Grundlage haben könnten, können weder nach flüchtigen noch nach genauen Untersuchungen als ungefährlich akzeptiert werden.

Das ständige Laufen zu den Ärzten ("Doctor Shopping") wegen ständig wechselnder Krankheitsängste und/oder harmloser körperlicher Symptome ist in der beschriebenen Weise typisch.

Wäre nur eine herzbezogene Angst gegeben, würde man von einer "Herzphobie" sprechen ("somatoforme autonome Funktionsstörung, kardiovaskuläres System" - nach dem internationalen Diagnoseschema ICD-10).

Nach Prof. Hiller in Mainz, einem der deutschen Experten für somatoforme Störungen, wäre eine Herzphobie eigentlich ebenfalls als Hypochondrie zu werten, da nach den ICD-10-Kriterien alle Körper bezogenen Ängste als Hypochondrie und alle Angstreaktionen auf außerhalb des Körpers liegenden Reize als Phobie gelten.

Die Aidsangst ist neben der Krebsangst der Inbegriff einer hypochondrischen Angst, wenn keine reale Gefährdung besteht. Wenn eine Aidsangst - was bei Madeleine zum Glück nicht der Fall ist - durch übertriebene und sinnlose Vermeidungsstrategien bzw. Reinigungsrituale zu mildern versucht wird, stellt dies den Beginn einer Zwangsstörung dar.

Eine Panikattacke in Zusammenhang mit einer Aidsphobie macht noch immer keine Panikstörung aus. Zu einer Panikstörung gehört mindestens eine Panikattacke aus heiterem Himmel. Es handelt sich einfach um eine Panikattacke oder eine panikähnliche Symptomatik in Zusammenhang mit einer spezifischen Krankheitsangst.

Herzphobie und Aidsangst zeigen auf, dass sich die Angst immer auf den Verlust des Lebens bezieht und nicht einfach nur auf die Befürchtung, eine schwere, jedoch bewältigbare Krankheit zu bekommen.

Menschen mit einer hypochondrischen Störung gehen - zumindest wenn es nicht unbedingt sein muss - nicht oder nicht gerne zum Psychiater. Wenn der Psychiater sympathischer gewesen wäre, hätte Madeleine ihn wahrscheinlich dennoch nicht so geschätzt wie ihren Hausarzt, der einfach die übliche Medizin vertritt (wenngleich er unüblich bemüht beschrieben wurde).

Freiwillig zum Psychiater zu gehen ist für "Hypochonder" oft ebenso schwer möglich wie für schwer Paranoide: wenn man nach ärztlicher Auffassung eine "Krankheitseinsicht" gewonnen hat, bedeutet dies zuzugeben, dass das eigene Denken falsch ist. Dies widerspricht dem Wesen einer akuten paranoiden Schizophrenie ebenso wie dem Wesen einer akuten Hypochondrie.

Eine hypochondrische Störung in einer unschönen Kindheit zu suchen, wie dies der Psychiater angeblich tat, ist eine zu billige Erklärung für eine Hypochondrie. In der Kindheit erfolgte vielmehr oft bereits eine sehr spezifische Fixierung auf Krankheit, Leiden und Tod, z.B. chronische Krankheiten von Angehörigen, ständiger Schwindel der Mutter, Angina pectoris des Vaters, Asthma des Bruders, plötzlicher Kindestod eines kleinen Geschwisters, langwierige Krebserkrankung der geliebten Großmutter.

Diesen Aspekt hat Madeleine ausgeklammert. Ich vermute, dass es auch diesbezügliche Sensibilisierungen gegeben hat. Es reichen z.B. bereits Ängste der Mutter, dass Madeleine krank werden oder durch Unvorsicht sterben könnte, so dass die Mutter neben dem Partner auch noch das Kind verlieren könnte.

Wenn nicht (nur) die Kindheit, wird - wie bei Madeleine - leider oft unnötigerweise auch noch die Partnerschaft als Ursache der Hypochondrie angeschuldigt. Wenn man als psychisch Kranker in einer Ehe lebt, wird sich die Symptomatik sicher auch in der Ehe äußern, aber deswegen ist sie noch nicht die Ursache für das Leiden. Mit derartigen Erklärungen verbessert man nicht die Situation der Betroffenen, sondern verschlimmert ihr Leid, weil man mögliche Ressourcen plötzlich zu möglichen Krankheitsursachen erklärt.

Körper bezogene Therapien sind bei einer hypochondrischen Störung sehr wichtig. Nach Ausschluss organischer Ursachen sind die Betroffenen noch immer nicht "verliebt" in ihren Körper. Mangels genauer Kenntnis möchte ich keinen Kommentar zur spezifischen Wirkung der Kinesiologie abgeben. Manchmal sind nicht nur Übungen, sondern auch neue Sichtweisen ("Kognitionen") eine wichtige Hilfe bei der Bewältigung einer Hypochondrie.

Wenn Madeleine in der Esoterik/Spiritualität eine Stütze gefunden hat, zeigt dies, dass nicht allein Medizin, Psychotherapie und Alternativmedizin die Sinnfrage und die Lebensängste von Menschen lösen können, sondern dass dafür ein Sinn- und Wertesystem im weitesten Sinn erforderlich ist. Früher war dies eindeutig die christliche Religion.

Wer nicht mehr den Halt in der traditionellen Religion sucht und findet, findet ihn auch nicht in der Medizin mit der Ausschlussdiagnostik. Nach wie vor geht es um die Fragen: Was macht den Sinn des Lebens aus? Welchen Sinn hätte das Leben, wenn es jetzt plötzlich aus wäre? Was bedeutet es für andere, wenn man plötzlich nicht mehr auf der Welt wäre? Was kommt nach dem Tod? Gibt ein Leben danach? Welchen Sinn hat das Leid, wenn es unabwendbar sein sollte?

Madeleine hat die Sache richtig erkannt: ein Restrisiko bleibt, damit auch eine latente Restangst. Erich Kästner hat es so treffend formuliert: "Das Leben ist immer lebensgefährlich".

Menschen mit einer hypochondrischen Störung werden zeitweise immer wieder einmal mehr oder weniger starke körperbezogene Ängste aufweisen, wenn sie mit einem gewissen Restrisiko nicht umgehen können. Dies macht sie nach dem Wiener Psychiatrie-Professor Bach den Patienten mit einer Zwangsstörung ähnlich, die ihre Zwänge ebenfalls immer dann wieder anfachen, wenn sie mit einem gewissen Restrisiko - zumindest in einer bestimmten Situation - nicht umgehen können.

Der Inhalt einer hypochondrischen Störung ist für keinen Menschen angenehm. Wer will schon krank sein, leiden, dahinsiechen und sterben, wenn man bei besserer Vorsorge gerettet werden könnte? Nicht der Umstand, dass man solche Krankheitsängste wie Madeleine hat, ist das primäre Problem, sondern wie man damit umgeht.

Madeleines Lösung, sich auf die Gegenwart zu konzentrieren, könnte ein Psychotherapeut nicht treffender formulieren. "Lebe jetzt, im Hier und Jetzt!" lautet das Motto. Auf diese Weise erlebt man das Gute und Schöne in der Gegenwart und ist gestärkt für Zeiten, wo durch bestimmte Umstände (chronischer Stress, Krankheiten in der Umgebung usw.) mehr Kraft zur Bewältigung ansteigender Krankheitsängste erforderlich ist.

© 2003 Astrid Krüger
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