ERFAHRUNGSBERICHT
aus daz Nr. 15, III/1999
Erfahrungsbericht: Monika Schönfeld,
29, Flughafenangestellte
Heute hat Monika gelernt, sich ihr Leben neu einzurichten. Sie hat den ungeliebten Beruf aufgegeben, eine zerrüttete Ehe beendet, die richtige Ebene in der Beziehung zu ihrer Mutter gefunden. Ganz beschwerdefrei ist Monika bisher nicht, aber die Behandlung bei einer qualifizierten Psychotherapeutin und ihr eigener Wille, den richtigen Weg aus der Panik zu finden, haben ihr geholfen, aus dem tiefen Tal der Angst herauszufinden und ihr Leben in neue Bahnen zu lenken.
Aus Erzählungen ihrer Eltern weiß Monika, daß sie bereits im Alter von nur 1 ½ Jahren Beklemmungszustände bekommt, wenn es darum geht, in einem Aufzug zu fahren. Auch auf Spinnen reagiert sie extrem empfindlich und ist nur mit Mühe wieder zu beruhigen. Sicherlich sind diese beiden Faktoren alleine noch kein sicherer Hinweis auf das Entstehen einer Panikstörung, weil sie die Lebensqualität nur begrenzt beeinflussen.
In einem anderen Licht erscheinen diese beiden Episoden aus Monikas frühester Kindheit erst, als sich bei ihr tatsächlich mit 23 Jahren Panikattacken einstellen. Damals, im Herbst des Jahres 1995, ist Monika mit ihrem Leben mehr als unzufrieden. Nach einer Ausbildung im öffentlichen Dienst ist sie zur Beamtin auf Lebenszeit ernannt worden. Kein Beruf, den sich Monika erträumt hat. Lieber wäre sie nach einer guten Mittleren Reife in einer Lehre als Schreinerin aufgegangen. Doch die Ausbildungsplatzsituation im Jahr 1989 und die mangelnde Akzeptanz weiblicher Lehrlinge im handwerklichen Bereich machen diesen Traum zunichte. So arrangiert sich Monika mit den gegebenen Möglichkeiten.
Anfänglich arbeitet sie in einem Büro mit hauptsächlich männlichen Kollegen. Die Arbeit ist interessant, das Betriebsklima gut. Dann wird sie versetzt. Monika muß sich neu einarbeiten. Das Aufgabengebiet hier kann nicht ihr Interesse erwecken. Von den fast ausschließlich älteren Kollegen wird sie fast alleinig als Schreibkraft eingesetzt. Monika fühlt sich unterfordert.
Außerdem verwechseln die zumeist weiblichen Mitarbeiter das Büro mit einer Modenschau. Sie sind auf Äußerlichkeiten fixiert, Kompetenz und Kollegialität spielen keine Rolle. Monika findet ihren Platz in dieser Gesellschaft nicht. Sie kann sich nicht etablieren.
Hinzu kommen persönliche Probleme. Ihre erst im Vorjahr geschlossene Ehe mit einem 16 Jahre älteren Partner ist nicht glücklich. Der Ehemann kämpft mit Alkoholproblemen. Monika ist sich dieser Tatsache schon vor der Hochzeit bewußt, versucht jedoch immer wieder, ihm hierbei beizustehen und ihn von dieser Droge zu lösen. Doch ihre Bemühungen sind vergeblich, ihre Hoffnung ihn durch die Heirat auf den richtigen Weg zu bringen, erfüllt sich nicht.
Es ist gegen Mitternacht des 25.11.95 als Monika ihren ersten Panikanfall bekommt. Sie ist alleine in der Wohnung, als sie plötzlich von einer großen Unruhe befallen wird. Ihr Hals ist ausgetrocknet, der Mund ebenso, sie holt sich etwas zu trinken und wandert ruhelos durch die Räume. Der Puls wird schneller, ihr ist schwindelig, heiß, sie leidet unter Schweißausbrüchen, einem inneren Zittern.
Monika wartet ab, hofft, daß diese, für sie unwirkliche Situation bald zu Ende geht. Sie zieht in Erwägung den Notarzt zu rufen, unterläßt es dann doch. Irgendwann nach mehr als vier Stunden kann Monika weinen, die Spannung läßt nach. Sie fühlt sich besser, der erste Anfall ist vorbei. Nach einer kurzen Erholungsphase fährt Monika zur Arbeit, tut dort so, als ob nichts gewesen sei, erzählt niemandem von dem Erlebnis dieser Nacht. Sie selbst weiß das, was ihr passiert ist, nicht einzuordnen, fragt sich, was das wohl gewesen sein soll und kann doch keine Erklärung finden.
Vierzehn Tage später wiederholt sich der Vorgang während einer Fortbildungsveranstaltung. Monika kann das Ereignis diesmal nicht vertuschen und entschließt sich, der Sache auf den Grund zu gehen und ihren Hausarzt zu konsultieren. Die Fahrt dorthin mit der U-Bahn ist der blanke Horror. Monika hofft inständig, nicht umzufallen, nicht das Bewußtsein zu verlieren. Sie ist froh, als sie endlich die Praxis erreicht. Die Sprechstundenhilfe erkennt auf Anhieb, in welchen Zustand Monika sich befindet und kümmert sich sofort um sie. Auch ihr Arzt geht auf sie ein und kann Monika in dieser Situation durch seine Ruhe und vor allem durch seine bloße Anwesenheit helfen.
Der Panikanfall ist vorbei und Monika kann sich nicht entschließen, die Arztpraxis zu verlassen. Sie fühlt sich dort geborgen und möchte die ganze Zeit an diesem Ort verbringen, um eine weitere Angstattacke zu verhindern. Daß das auf die Dauer nicht möglich ist, weiß Monika, doch noch Monate später fühlt sie sich sicherer, sobald sie irgendwo einen Hinweis entdeckt, daß sich eine Arztpraxis in der Nähe befindet. Nach gründlichen körperlichen Untersuchungen und einer schnellen Überweisung zu einer qualifizierten Neurologin steht die Diagnose "Panikattacken" innerhalb von nur sechs Wochen. Während dieser Zeit verschreibt der Hausarzt Monika Tranquilizer, um ihr nachts ein Durchschlafen ohne erneuten Panikanfall zu ermöglichen.
Danach beginnt die Neurologin mit der Behandlung mit Anti-Depressiva. Innerhalb kurzer Zeit bessert sich der Zustand von Monika so, daß eine mit der Neurologin kooperierende und auf Angstzustände spezialisierte Psychologin mit der Therapie beginnen kann. Es ist eine lange Entwicklung, die Monika mit Hilfe der Psychotherapeutin macht.
Sie erkennt, daß die Ursachen für ihre Panikattacken in ihrem Verhältnis zur Mutter zu finden sich und darin, daß Monika nicht gelernt hat mit ihren Gefühlen umzugehen, sie als Bestandteil ihrer Persönlichkeit zu respektieren, ihnen einen Raum in ihrem Leben einzuräumen und sich von ihnen leiten zu lassen.
Monika berichtet heute, daß ihre Mutter ihr nie die Gelegenheit gegeben hat, aus ihrem Schatten zu treten. Alles, was Monika anfaßt, worin sie sich auch versuchen will, wird von der Mutter kommentiert und abwertend behandelt. Der Vater wagt es nie, der Mutter zu widersprechen. In deren Beisein stellt er sich nie auf die Seite von Monika. Geschwister, die für Monika Partei ergreifen könnten, gibt es nicht. Ist Monika jedoch mit ihrem Vater alleine, ist das Verhältnis gut. Er bringt Verständnis für sie auf, unterstützt ihre Bemühungen. Doch gegen seine dominante Frau kommt er nicht an.
Kein Wunder also, daß die Mutter von Monika auch kein Verständnis für deren Erkrankung aufbringt, die Panikattacken und Phobien nicht als Aufbäumen der Seele ihrer Tochter versteht. Im Gegenteil, Monikas Mutter fühlt sich als das eigentliche Opfer. Sie selber ist mit Anfang 60 kerngesund und vital und möchte wegen der Erkrankung ihrer Tochter bedauert werden, Aufmerksamkeit erlangen. Eine Beachtung, die eigentlich ihrer Tochter zusteht und die dieser vorenthalten wird.
Monika lernt langsam, daß ihre Ehe nur eine Flucht war, Ihr Mann ist genauso dominant wie die Mutter und möchte genauso, daß sich alles um ihn dreht. In dieser Beziehung muß die Seele von Monika verkümmern. Auch wenn Monika schnell erkennt, wo die Ursachen ihrer Angstsymptome zu finden sind, ist es ein langer Weg, bis sie zu einer Beschwerdefreiheit findet. Konsequenterweise trennt sich Monika schon bald nach Therapiebeginn von ihrem Mann. Statt sich danach eine Phase der Ruhe zu gönnen, beginnt sie' eine Affäre nach der anderen. Sie ist auf der Flucht , kann das, was sie in der Psychotherapie über sich erfährt, nicht einordnen, hetzt statt dessen durch das Leben. Geborgenheit erfährt sie in dieser Zeit nur in "ihrer" Gruppe. Die Psychologin hat Monika neben den Einzelstunden noch eine Gruppentherapie verordnet. Hier lernt sie Gleichgesinnte kennen, hat nicht so ganz das Gefühl, auf dieser Welt alleine mit ihrem Problem zu stehen. Hier fühlt sich Monika wohl. Alle klagen über die selben oder zumindest ähnliche Symptome, haben eine vergleichbare Vorgeschichte hinter sich.
Monika berichtet heute, daß es sich unter Gleichgesinnten leichter über Ausmaß und Wirkung der Panik reden läßt. Außerdem gibt ihr die Gruppe einen gewissen Schutz und Geborgenheit, da die Umwelt sehr verständnislos reagiert. Auch die nächsten Familienmitglieder reagieren bei dem Wort "Panik" sehr befremdlich, bzw. setzen Psychotherapie mit dem Aufenthalt in einer geschlossenen Anstalt gleich.
Langsam lernt Monika immer besser, auf ihre Gefühle einzugehen, erste Warnsignale zu erkennen und die Notbremse zu ziehen, ihren Weg zu gehen. Irgendwann hat sie den Punkt erreicht, an dem sie erkennt, daß sie auch auf beruflicher Ebene mit ihrem früheren Leben brechen muß. Zum großen Schrecken ihrer Eltern gibt sie die sicher Beamtenlaufbahn auf und bewirbt sich als Bodenstewardess auf dem Flughafen. Damit hat Monika einen entscheidenden Schritt hin zur Überwindung ihrer Panikattacken gemacht. Der Beruf füllt sie aus. Jeden Tag begegnen ihr Dutzenden Menschen, sie muß sich immer wieder auf neue Situationen einstellen. Genau das ist es, wonach sich Monika immer gesehnt hat. Sie wird gefordert und noch wichtiger, ihre Tätigkeit wird anerkannt. Selbst die Aussicht auf Schichtdienst, der Streß, der in diesem Beruf oftmals nicht zu vermeiden ist und auch die vielen Menschen um sie herum, können Monika nicht erschrecken. Im Gegenteil, sie fühlt sich wohl in diesem Umfeld.
Auch privat macht sie eine Veränderung durch. Monika erkennt, daß sie sich bisher immer dem, für sie falschen, Typ Mann zugewendet hat. Jetzt lernt Monika einen Partner kennen, der sie liebt und respektiert und was noch wichtiger ist, der nicht versucht, ihr Vorschriften für ihr Leben zu machen, ihr Freiräume und Entwicklungsmöglichkeiten offen hält. Er hat nur noch einen Aspekt, in der Monikas früherem Partner ähnelt, auch er ist einige Jahre älter als seine Lebensgefährtin.
Wenn die Panik Monika heute noch einmal übermannt, gelingt es ihr, ihr ohne Medikamente entgegenzuwirken. Außerdem erkennt sie heute leichter, welche Ursache die aufgetretene Attacke hat und ist in der Lage, ihren Lebensweg entsprechend zu korrigieren. Zu den Eltern hat sie heute ein freundschaftliches, wenn auch etwas distanzierteres Verhältnis und kommt gut damit klar. Monika ist heute dankbar für ihre Panikattacken. Sonst, so glaubt sie, hätte sie weiterhin gelebt, ohne auf ihre Ängste und Nöte, vor allem aber auf ihre Seele, Rücksicht zu nehmen. Sie lebt heute bewußter und ist dem Schicksal eigentlich dankbar, da es ihr so eine Möglichkeit eingeräumt hat, ihr Leben noch einmal neu zu ordnen.
(aufgezeichnet von Astrid Krüger)
© 1999 Astrid Krüger
Ein Hinweis zum Urheberrecht: Sie sind herzlich eingeladen, meine Texte zu lesen. Zum privaten Gebrauch dürfen sie auch ausgedruckt, sowie Bekannten und Freuden zum Lesen gegeben werden.
Jegliche andere Verwendung, Veröffentlichungen, egal in welchem Medium oder der Verkauf, bedürfen allerdings meiner Zustimmung.
Dies ist eine Seite von
daz - der ersten bundesweiten
Zeitschrift speziell für Angstbetroffene Bei Problemen mit dieser WEB-Seite wenden Sie sich bitte an eye-print |